Werbeanzeigen in Kairo für Ramadan-Serien im ägyptischen Fernsehen | Bildquelle: AFP

Serienboom in Ägypten Ramadan ist Fernsehzeit

Stand: 31.05.2018 17:02 Uhr

Während des Ramadan sind die Arbeitszeiten kürzer - dafür steigt der TV-Konsum. Es ist die Zeit der aufwendig produzierten Serien im ägyptischen Fernsehen.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

Überall prangen riesige Plakate mit Werbung für Ramadan-Fernsehserien, "Musalsalat" auf Arabisch. Täglich - pünktlich nach dem Fastenbrechen - genau von 19:00 Uhr abends bis 3:00 Uhr in der Früh laufen sie: Die teuersten, aufwendigsten und meistgesehenen Fernsehproduktionen der arabischen Welt. 27 sind es in diesem Jahr allein aus Ägypten.

Die ersten Musalsalat entstanden in den 70er-Jahren; gefolgt von einem regelrechten Boom Ende der 80er. Inspiriert damals von den südamerikanischen Telenovelas, mit einfachsten Grundmustern: Ein Paar muss seine Liebe gegen den Rest der Welt verteidigen - oder zumindest gegen die eigene Familie. Ein Plot, der bis heute zieht.

Quotentief nach Sturz Mubaraks

Die Geschichten waren lange Zeit unpolitisch. Nur selten verwoben die Drehbuchautoren aktuelle Ereignisse mit den Grundmustern.

In den 2000er-Jahren blitzte mal der Neoliberalismus von Ägyptens Diktator Hosni Mubarak auf. Der Liebe eines Paares standen neben der Familie auch Wirtschaftszwänge entgegen. Das war aber nur eine kritische Ausnahme von der unpolitischen Regel. Medien und Medienmacher waren in Ägypten eher Mubarak-treu.

Daher auch durchliefen die Ramadan-Serien ein Tief, nachdem die Unruhen in der arabischen Welt 2011 Mubarak hinweggefegt hatten. Die Leute guckten auch im Ramadan lieber trendige TV-Talks, als muffige Musalsalat, produziert von Freunden des alten Regimes.

Autos fahren in Kairo an einem Werbeschild für eine Fernsehserie vorbei. | Bildquelle: AFP
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Der Markt für Ramadan-Serien in Ägypten ist riesig.

Die Serien sind politisch geworden

Einer der Musalsal-Hits 2018 ist "Der Adler von Oberägypten". Es ist die Filmografie eines Polizeioffiziers, der zum Vorbild wird: Werteorientiert, den Armen helfend; ein Held, der auch schon mal einen Kollegen zurechtweist, der willkürlich einen Mitmenschen angeht.

Der Polizeiapparat gilt vielen Ägyptern als korrupt und willkürlich, da soll dieser Filmpolizist offenbar ein wenig das Image aufpolieren. Und den Kollegen im wahren Leben zeigen, wo es eigentlich langgehen sollte.

Kritik am Ausverkauf Ägyptens übt die Serie "Taya". Es geht um moderne Grabräuber, die mit korrupten Polizisten gemeinsame Sache machen und Altertümer auf den Schwarzmarkt verkaufen.

In "Abu Omar al-Masri" geht es um einen Anwalt, der zum Jihadi wird und im Nachbarland Sudan trainiert. Die Serie kritisiert den finsteren, militanten Islamismus und jene Staaten, die Terroristen unterstützen und hat zu diplomatischen Spannungen zwischen den Regierungen in Kairo und Khartoum geführt.

Die Ramadan-Serien in Ägypten sind politisch geworden – System-genehm politisch. Und das ist aus Macher-Sicht durchaus klug. Wer den Menschen eine Botschaft zukommen lassen will, macht das am besten während des Ramadan eben mit Musalsalat.

Im Ramadan steigt der TV-Konsum

Gut 310 Millionen Menschen leben in 22 arabisch-sprachigen Staaten. Etwa 220 Millionen sind im fernsehfähigen Alter. Nach letztjährigen Untersuchungen aus den Golfstaaten liegt der TV-Konsum während der Fastenzeit im Schnitt bei satten sieben Stunden täglich. Die Arbeitszeiten sind kürzer. Nachts bleiben die Menschen lange auf und verbringen ihre Zeit mit Verwandten gerne kollektiv vor der Glotze.

Dabei bringt nicht nur das Fernsehen Ramadan-Serien. Bei einer Fahrt durch Kairo kann man im Radio bereits ab Nachmittag beste Musalsalat hören.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 05. Juni 2018 um 04:25 Uhr.

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