Menschen schwenken türkische Fahnen auf einer Pro-Erdogan-Demonstration | AP
Analyse

Ein Jahr nach Putschversuch Erdogans Durchmarsch zur "neuen Türkei"

Stand: 15.07.2017 04:38 Uhr

Der Präsident als "Held der Putschnacht" - so stellte ihn der türkische Justizminister wenige Tage vor dem heutigen Jahrestag dar. Erdogan selbst nutzt die Ereignisse, um seine Vision einer "neuen Türkei" zu verwirklichen.

Eine Analyse von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Säkular und laizistisch - Staat und Religion strikt getrennt, so hatte sich Mustafa Kemal Atatürk 1923 die Republik Türkei vorgestellt und gegründet. Jahrzehntelang hielten politische Lenker an dieser Prämisse fest. Nun will Präsident Recep Tayyip Erdogan eine "neue Türkei" errichten und nutzt den Putschversuch vom 15. Juli des vergangenen Jahres für einen Gründungsmythos, für eine Neuschreibung der türkischen Geschichte.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

In diesem Mythos spielt Erdogan selbst die Hauptrolle als "Held", der sich in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli todesmutig den Putschisten in den Weg stellte. Weil es glaubwürdiger klingt, wenn andere einen zum Helden machen, übernimmt Justizminister Bekir Bozdag in der Woche vor dem Jahrestag des Putschversuches vor der internationalen Presse den Part des Mythenerzählers.

Der Staatspräsident habe, als er sich in der Putschnacht an seinem Urlaubsort aufhielt, "den Tod riskierend" zum Volk gesprochen, so Bozdag. Erdogans Aufforderung an die Türken, auf die Straße zu gehen und sich den Panzern und Kanonen in den Weg zu stellen, habe "den Lauf des Putsches" geändert.

Abschied vom Erbe Atatürks?

Nach dem Motto "Der wahre Held kämpft sich allein durch die Nacht" führt der Minister aus, der Rest der Welt habe Erdogan allein gelassen. Die politischen Führer in Europa und den USA hätten gewartet, wie der Putsch ausgehe und sich erst dann gemeldet, um Erdogan ihre Solidarität zu bekunden. "Ich will von hier aus alle Pressevertreter fragen: Gibt es auf der Welt außer dem türkischen Staatspräsidenten noch einen anderen Führer, der sich zum Schutze der Demokratie, der Menschenrechte, der Republik und des Volkswillens den Putschisten entgegengestellt hat?"

Weil für viele Türken Staatsgründer Atatürk bis heute unangefochten Platz eins in der jüngeren Geschichte des Landes besetzt hält, bemüht sich Bozdag, eine direkte Linie zu Erdogan zu ziehen. "Wie das Volk beim Befreiungskampf hinter Mustafa Kemal Atatürk stand, und die Türken wie eine Einheit erfolgreich die Unabhängigkeit verteidigten, so stand das Volk fast 100 Jahre später hinter dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan und hat als Einheit die Demokratie und die Republik verteidigt."

Die "neue Türkei" soll jedoch von Atatürks ideologischem Erbe zumindest teilweise Abschied nehmen. Die AKP-Regierung erinnert gerne an die ruhmreichen Zeiten der mächtigen osmanischen Herrscher in den Jahrhunderten vor Atatürks Türkei.

Der "kontrollierte Putsch"

All das kommt zumindest bei den konservativ, religiös und nationalistisch geprägten Türken gut an. Was nicht zum Mythos passt, sind die nach wie vor dunklen Flecken bei der Aufklärung der Geschehnisse in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli.

Zwar sind sich Regierung und Opposition einig, dass Anhänger des in den USA lebenden Islampredigers Fetullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich sind. Diese haben, so die Lesart, unter Erdogans Ägide teils offen, teils konspirativ wichtige Posten im Militär besetzt und konnten deshalb einen Staatsstreich starten. Allerdings habe die Staatsführung mindestens sieben Stunden vor Beginn des Putschversuchs bereits von dem Vorhaben gewusst und es Laufen lassen, sagt die parlamentarische Opposition. Es wäre darum gegangen, nach erfolgreicher Niederschlagung der Putschisten im Rahmen des Ausnahmezustands die "neue Türkei" zu errichten.

Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu beschwert sich im Interview mit der ARD, man habe zwar einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss ins Leben gerufen. Aufgrund der Mehrheit der AKP-Mitglieder im Ausschuss, habe man aber weder den Generalstabschef noch den Geheimdienstchef befragen können. Deshalb sei es bis heute unklar, was Erdogan bereits vor dem Putschversuch wusste und deshalb spricht Kilicdaroglu von einem "kontrollierten Putsch".

Immer wieder derselbe Vorwurf

Die Konsequenzen dieses "kontrollierten Putsches" sind einerseits Massenverhaftungen von mutmaßlichen Gülen-Anhängern und Putschisten. Andererseits wurden im Ausnahmezustand auch Oppositionelle, Journalisten und Andersdenkende verhaftet, die nichts mit der Gülen-Bewegung zu tun haben. Die Vorwürfe sind immer die gleichen: Terrorismus oder Unterstützung von Terrorismus.

Etwa die Hälfte der Türken hält wenig bis gar nichts von Erdogans "neuer Türkei", wie an der äußerst knappen Mehrheit beim Referendum zur Verfassungsänderung im April deutlich wurde. Die vielen Festnahmen und Repressionen liegen wie ein dunkler Schatten auf dem Gründungsmythos und den Feierlichkeiten an diesem Wochenende. Heldengeschichten klingen eigentlich anders.

Über dieses Thema berichtete am 14. Juli 2017 das ARD-Morgenmagazin um 06:10 Uhr und das Nachtmagazin um 00:56 Uhr.