Putin und Sisi

Russlands Präsident zu Besuch in Kairo "Putin braucht uns so wie wir ihn"

Stand: 10.02.2015 03:58 Uhr

Zum Auftakt des Besuchs gab es Kultur: Russlands Präsident Putin und sein ägyptischer Amtskollege Sisi besuchten die Oper in Kairo. Ihr heutiges Programm ist ernster. Denn beide haben handfeste politische und wirtschaftliche Interessen.

Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo

An den Laternenmasten der großen Straßen Kairos wehen russische Flaggen neben ägyptischen. Überall hängen Poster, darauf das Portrait eines sympathisch-lächelnden Wladimir Putin. Und - wahlweise auf Arabisch, Russisch oder Englisch der Schriftzug "Willkommen". Ja, Kairo ist ein wenig im Putin-Fieber - und wohl auch um das anzuheizen, titelte bereits vor einigen Tagen eine große ägyptische Zeitung: "Putin: Ein Held unserer Zeit!"

Aber es gibt auch Stimmen, die das für übertrieben halten. Zum Beispiel die von Anwar al-Sadat. Er ist ein Neffe des gleichnamigen 1980 ermordeten ägyptischen Präsidenten, und Vorsitzender der Reform und Entwicklungspartei. "Ich teile das nicht hundertprozentig, aber so sehen die meisten Ägypter Putin. Sie glauben, Russland habe die Revolution vom 30. Juni 2013 unterstützt - gegen die Islamisten. Darum heißen sie ihn Willkommen", so Sadat.

Plakate mit Willkommensgrüßen für Putin in Kairo

Willkommensgrüße in drei Sprachen: Kairo ist ein wenig im Putin-Fieber.

Nach Massenprotesten hatte das ägyptische Militär unter dem Befehl von General Abdel Fatah al-Sisi den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi im Sommer 2013 abgesetzt. Im Westen war daran viel Kritik laut geworden. US-Präsident Barack Obama legte zeitweilig gar die US-Militärhilfen auf Eis. Von vielen Ägyptern war daraufhin - trotzig patriotisch - zu hören: "Wir können auch ohne die Amerikaner!" Und die ägyptische Übergangsregierung nach Mursi erklärte, sie werde ihre "Bedürfnisse auf dem Gebiet der nationalen Sicherheit" notfalls auch mithilfe Moskaus stillen.

Waffendeal kurz nach Sotschi-Besuch

Als dann im vergangenen Jahr Sisi zum Präsidenten gewählt worden war, empfing Putin ihn umgehend in Sotschi am Schwarzen Meer; kurz darauf wurde ein Handel geschlossen: Ägypten verpflichtete sich Waffen aus Russland zu kaufen - im Wert von 3,5 Milliarden Dollar.

Das jähe Ende der einjährigen Mursi-Herrschaft hatte den Westen Abstand zu Ägypten nehmen lassen, was in Kairo eine neue Moskau-Orientierung provozierte. Umgekehrt kann Ägypten nun Putin von Nutzen sein. Er kann dem Westen zeigen, dass er seiner Ukraine-Politik zum Trotz nicht zu isolieren ist. "Er braucht uns", sagt Sadat. "Besonders wegen der ganzen Sanktionen, von denen Russland aufgrund der Ukraine-Politik betroffen ist. Putin braucht uns so wie wir ihn brauchen - zurzeit."

Putin und Sisi beim Besuch der Oper

Putin und Sisi beim Besuch der Oper. Am zweiten Tag des Besuchs dürften Politik und Wirtschaft im Mittelpunkt stehen.

Sadat sieht die politischen Zeichen, die die Präsidenten Ägyptens und Russlands setzen, allerdings nicht als Hauptmotiv für ihr Treffen. Es seien handfeste wirtschaftliche Interessen, die Putin und Sisi zusammenbringen. "Wir glauben, dass wir mit Russland Projekte verwirklichen können." Als Beispiel nennt Sadat Öl, Gas und Atomkraft aber auch militärische Projekte wie den Kauf von Luftabwehrsystemen. Ägypten könne nach Russland exportieren und umgekehrt Güter wie Weizen importieren. "Also das ägyptisch-russische Verhältnis ist nicht nur eine Botschaft an den Westen; es geht auch um gemeinsame Wirtschaftsinteressen", so der Politiker.

Keine neue Abhängigkeit wie in den 50er- und 60er-Jahren

Schon einmal - in den 50er- und 60er-Jahren unter Präsident Gamal Abdel Nasser - war Moskau ein Partner Ägyptens gewesen. Aber Mitte der 70er-Jahre wandte sich Nassers Nachfolger Anwar al-Sadat von Moskau ab und hin nach Washington. Sadat feuerte sowjetische Berater und ließ die UdSSR-Marine vom Suezkanal abziehen. Für Moskau ein schwerer Schlag, weil er den Verlust von Einfluss im Mittelmeer bedeutete.

Heute hat Russland nur noch eine kleine Marine-Basis in der Region, in Tartus, im vom Bürgerkrieg gebeutelten Syrien. Ägypten könnte in dieser Situation ein zweites Tor zum Nahen Osten und Nordafrika werden - wieder. Eine Partnerschaft wie in den 50er- und 60er-Jahren, als Ägypten geradezu abhängig war von Moskau, schließen Analytiker jedoch aus.

In eine solche Falle werde Ägypten nicht noch einmal tapsen. Und bei alle dem hofft Anwar al-Sadat, dass Putin und sein Russland auf keinen Fall eines werden - ein Beispiel für Sisi und Ägypten: "Für mich und andere, die beobachten, was in Russland passiert, sind die Russen überhaupt kein Vorbild: Wir konnten ja sehen, wie aggressiv sie sind. Und sie haben ähnliche Beschränkungen wie wir, wenn es um Nichtregierungsorganisationen geht oder um die Menschenrechte. Ich glaube, Russland wäre die falsche Karte, auf die wir setzen können. Russland ist nicht ein Modell, dass wir in Ägypten nachahmen sollten."