Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin | Bildquelle: AP

Putin und Erdogan Mehr als strategische Partner

Stand: 23.01.2019 02:46 Uhr

Wieder einmal wollen die Präsidenten der Türkei und Russlands über Syrien beraten. Putin und Erdogan verfolgen dabei unterschiedliche Ziele - doch brauchen einander, um diese umzusetzen.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Keinen anderen Regierungschef hat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zuletzt so häufig getroffen, wie seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin. Allein acht mal sollen sich die beiden im vergangenen Jahr die Hände geschüttelt haben. Man könnte also fast von einem Routinebesuch sprechen. Doch dieser Besuch ist auch aufgrund der Erwartungen und Ziele der beiden Präsidenten äußerst kompliziert.

Brett McGurk (Archivbild) | Bildquelle: AP
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McGurk sorgt die Übermacht der Islamisten in Syrien.

Oberste Priorität dürfte für Erdogan sein, weiterhin Einfluss auf das Geschehen in der syrischen Grenzprovinz Idlib zu haben. Im Herbst 2018 versprach der türkische Staatspräsident, dafür zu sorgen, dass Assad-feindliche Rebellen in Idlib ihre Waffen niederlegen. Ankara errichtete mehrere von türkischen Soldaten kontrollierte Beobachtungsposten auf syrischem Boden. Doch der bisherige US-Sondergesandte für die Anti-IS-Koalition, Brett McGurk, monierte in einem Interview mit CNN, inzwischen dominierten mit der Terrororganisation Al-Kaida in Verbindung stehende Gruppen die Region und kontrollierten sämtliche Grenzübergänge zur Türkei.

Islamisten kontrollieren Region

Ilter Turan, emeritierter Professor für internationale Beziehungen an der renommierten Bilgi Universität in Istanbul, analysiert ebenfalls: Die türkische Regierung habe es nicht geschafft, ihr Versprechen in Idlib umzusetzen. Die der Al-Kaida nahe stehende Terrormiliz Hai’at Tahrir asch-Scham, kurz HTS, habe die Region inzwischen weitestgehend unter Kontrolle. Turan geht davon aus, Putin fordere, dass Assad-Truppen die Region Idlib irgendwann übernehmen werden - ein für Erdogan ernsthaftes Bedrohungsszenario.

Denn in der Region Idlib leben derzeit etwa dreieinhalb Millionen Menschen. Viele von ihnen sind Flüchtlinge. Sollten Regimetruppen gemeinsam mit dem russischen Militär die HTS angreifen, könnten sich Hunderttausende auf den Weg Richtung Türkei machen. Um eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden, könnte Ankara in die Verlegenheit kommen, die Grenzen öffnen zu müssen. Doch nationalistischen Türken wäre eine große Flüchtlingsbewegung vor den Kommunalwahlen Ende März schwer zu vermitteln.

Türkische Intervention in Syrien gegen HTS?

Murat Yesiltas ist beim Erdogan-nahen Think Tank "Seta" zuständig für Sicherheitspolitik. Da bisherige Bemühungen Ankaras, Rebellen in Idlib zu entwaffnen, gescheitert sind, geht Yesiltas von einer möglichen militärischen Operation türkischer Streitkräfte gegen die HTS aus. Es sei derzeit äußerst wichtig für die Türkei, das Assad-Regime und Russland von einem Angriff auf Idlib abzuhalten.

Sollte Erdogan es schaffen, mit Putin eine Einigung für Idlib zu erzielen, könnte er auch mit dem für ihn derzeit wichtigsten Projekt vorankommen, glaubt Yesiltas: der Errichtung einer 30 Kilometer breiten Sicherheitszone auf syrischem Boden entlang der türkischen Grenze östlich des Euphrat. Dafür hat er bereits etwa 80.000 Soldaten in der Grenzregion zusammengezogen.

Der türkische Staatspräsident will die syrische Kurdenmiliz YPG von der türkischen Grenze vertreiben. Die YPG gilt als Verbündete der als Terrororganisation eingestuften Kurdenmiliz PKK. Das Projekt der Sicherheitszone verfolgt Erdogan intensiv, seitdem US-Präsident Donald Trump ohne Absprache mit seiner Administration den Abzug der etwa 2000 amerikanischen Soldaten verkündete.

Ein Konvoi der YPG und US-Armee an der syrisch-türkischen Grenze. | Bildquelle: YOUSSEF RABIE YOUSSEF/EPA-EFE/RE
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Erdogans Problem: Die YPG ist mit den USA verbündet, weshalb Trump Sicherheitsgarantien für die kurdischen Verbände fordert.

Putin will Türkei aus NATO lösen

Der Wissenschaftler Turan erwartet, dass Erdogan bei Putin für Verständnis für die Sicherheitszone werben will. Moskau macht jedoch immer wieder deutlich, dass das Assad-Regime souverän bestimmen sollte, was innerhalb syrischer Grenzen passiert. Russland sei nach Abzug der US-Truppen der wichtigste Akteur in Syrien, sagt Yesiltas. Erdogan müsse folglich Interventionen in Syrien mit Putin koordinieren.

Und auch der starke Mann in Moskau dürfte seinen geostrategischen Plan bei diesem Treffen nicht aus den Augen verlieren. Dazu gehört auch, die Allianz mit dem NATO-Mitglied Türkei zu vertiefen, um so langfristig Ankara aus dem westlichen Militärbündnis zu lösen. Das kann nur gelingen, wenn er Erdogan immer wieder entgegen kommt und als verlässlicher Partner agiert.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. Januar 2019 um 10:25 Uhr.

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