Journalisten halten während der Pressekonferenz von Russlands Präsident Putin Plakate in die Höhe. | Bildquelle: AFP

Putin-Pressekonferenz Der Herr der Plakate

Stand: 20.12.2018 01:29 Uhr

65 Fragen in fast vier Stunden. Die jährliche Pressekonferenz von Russlands Präsident Putin gab einen guten Einblick in sein Verständnis von Opposition. Und in sein Selbstbild: Putin sieht sich als politischen Übervater.

Von Ina Ruck, WDR

Mit Applaus wird er empfangen - ein ungewöhnlicher Einstieg in eine Pressekonferenz, aber es hat sich seit Jahren so eingebürgert. Mehr als ein Dutzend solcher Jahrespressekonferenzen hat der Präsident schon abgehalten. Das Bild ist immer das gleiche - vorn auf der Bühne sitzt Wladimir Putin, ihm gegenüber buhlen Hunderte von Journalisten um die Chance, eine Frage stellen zu dürfen. Mehr als 1600 sind es diesmal - Reporter aus den hintersten Winkeln des Landes sind angereist, die Hauptstadtpresse ist da, Auslandskorrespondenten, Star-Moderatoren der großen Sender.

Wladimir Putin | Bildquelle: REUTERS
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"Gebt ihr das Mikrofon" - Putin wählt aus, wer ihm eine Frage stellen darf.

"Großvater Putin"

Putin blickt von seinem Podium in einen Wald von selbstgemalten Plakaten. Ein Schild mit möglichst auffälliger Beschriftung hochzuhalten, oder auch mal ein Stofftier, gilt als erprobtes Mittel, seine Aufmerksamkeit zu erregen.

Es funktioniert auch diesmal. "Da hinten hält ein Fräulein ein Plakat, auf dem steht 'Putin, bye-bye'. Gebt ihr das Mikrofon". Eine kleine Schrecksekunde lang mag man an Palastrevolution denken, doch die junge Frau aus der russischen Region Tatarstan beeilt sich, den Irrtum aufzuklären. Nicht bye-bye, sondern Babaj stehe dort. Und das heiße in ihrer Heimat schlicht "Großvater" - für die Kinder in Tatarstan sei er "Babaj Putin". Ob das freche Wortspiel geplant war, bleibt offen.

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Pressekonferenz als Bürgersprechstunde

Die meisten Fragen, die dem Präsidenten in fast vier Stunden gestellt werden, sind freundlicher Natur, drehen sich um typische Alltagsprobleme in der Provinz - mit der Bitte, Putin möge helfen. Es geht um neue Straßen oder Brücken, um die Ausstattung von Kindergärten.

Irgendwie hat es auch der Direktor einer Fischfabrik aus Murmansk in den Saal geschafft. Er sei gar kein Journalist, gesteht er - und erzählt dann sehr emotional vom schlechten Zustand der Branche. Eine Pressekonferenz als Bürgersprechstunde.

Xenia Sobtschak nach der Putin-PK | Bildquelle: REUTERS
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Die Journalistin Xenia Sobtschak tritt bei der Präsidentschaftswahl gegen Putin an.

Hat Putin Angst vor Konkurrenz?

Doch es gibt auch kritische Töne. Mutig fragt eine Reporterin, ob Russland wirklich ein Rechtsstaat sei. Denn während Oppositionelle wie Aleksej Nawalny immer wieder festgenommen würden, liefen die Drahtzieher politischer Morde frei herum.

Nein, sagt Putin knapp, in Russland werde nicht mit zweierlei Maß gemessen. Warum es politischen Gegnern so schwer gemacht werde, bei Wahlen zu kandidieren, fragt die Journalistin eines oppositionellen Internetsenders, die selbst als Präsidentschaftskandidatin antreten will. Ob die Staatsmacht etwa Angst habe vor Konkurrenz?

Niemand wolle einen "Majdan" in Russland

Es gebe keine ernsthafte politische Konkurrenz, sagt Putin - auch, weil es den Russen wirtschaftlich besser gehe als in vielen Jahren zuvor. Politische Gegner könnten dem wenig entgegensetzen. Er zeichnet ein Bild von einer auf Krawall ausgerichteten Opposition ohne politisches Programm, von Destabilisierung und Straßenprotesten. Niemand in Russland wolle einen "Majdan" wie in der Ukraine, niemand wolle einen Umsturz. Vielleicht war diese Antwort die aussagekräftigste der knapp vierstündigen Veranstaltung: Putin selbst, glauben seine Kritiker, fürchte nichts mehr, als aus dem Amt gejagt zu werden.

Außenpolitische Erfolge

Doch davon ist er weit entfernt. Im Gegenteil - dank seiner außenpolitischen Erfolge sitzt er umso fester im Sattel. Mit seinem riskanten Eingreifen in Syrien hat Putin auch weltpolitisch an Gewicht gewonnen. Das zögerliche und unentschiedene Auftreten der Amerikaner lässt ihn immer mutiger agieren. Längst hat er sich engsten US-Verbündeten wie Saudi-Arabien oder Ägypten angenähert, im Nahen Osten ist Russland wieder ein entscheidender Faktor. Und tatsächlich hat Russlands Eingreifen in Syrien das Land stabilisiert - wenn auch anders, als man sich das im Westen gewünscht hätte.

Wladimir Putin | Bildquelle: AFP
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Wer ein originelles Plakat in die Höhe hält, hat bessere Chancen, eine Frage stellen zu dürfen. 1600 Journalisten hoffen darauf, an die Reihe zu kommen.

US-Wahleinmischung in Russland?

Auch das Thema US-Wahl und der Vorwurf russischer Einflussnahme kommen auf der Pressekonferenz zur Sprache. Als ein ABC-Reporter nach möglichen Verbindungen zwischen Trumps Wahlkampfteam und Russland fragt, wird Putins Tonfall schärfer. Frei erfunden sei das. Die amerikanische Opposition habe Trump diskreditieren wollen.

Versuchte Wahl-Einmischung sieht er vielmehr in umgekehrter Richtung: die Amerikaner wollten mit dem Thema Doping die russische Präsidentschaftswahl beeinflussen. Ihr Kronzeuge, der frühere Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, sei, deutet Putin an, vom FBI möglicherweise unter Drogen gesetzt worden. An der zustimmenden Reaktion vieler russischer Journalisten im Saal ist abzulesen, wie sehr das Thema schmerzt.

Zur Präsidentschaftswahl will Putin als unabhängiger Kandidat antreten, nicht mehr im Namen der Regierungspartei Einheitliches Russland. Vielleicht, weil die immer unbeliebter wird - vielleicht aber auch, weil Putin sich längst als politischen Übervater sieht, jenseits aller Parteigrenzen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Dezember 2017 um 17:00 Uhr und 20.00 Uhr.

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