Jekaterina Samuzewitsch nach ihrer Freilassung

Jekaterina Samuzewitsch frei "Pussy Riot"-Sängerin "froh und enttäuscht"

Stand: 10.10.2012 16:41 Uhr

Bei der Anti-Putin-Aktion in einer Moskauer Kirche hatte sie gar nicht mitgemacht - ein Ordner hielt sie auf. Jetzt hat ein Berufungsgericht die "Pussy Riot"-Sängerin Samuzewitsch freigesprochen. Sie zeigte sich natürlich erfreut, kritisiert aber auch die Haft für ihre Mitstreiterinnen.

Von Stephan Laack, ARD-Hörfunkstudio Moskau

Zumindest "Pussy Riot"-Mitglied Jekaterina Samuzewitsch kommt auf freien Fuß. Ein Moskauer Berufungsgericht entschied heute, ihre Verurteilung zu zwei Jahren Lagerhaft in eine Bewährungsstrafe umzuwandeln. Richterin Larissa Poljakowa begründete das Urteil kurz und knapp: "Unter Berücksichtigung der konkreten Umstände in diesem Fall, insbesondere der Rolle von Samuzewitsch beim Verbrechen und ihr Verhalten gegenüber der begangenen Straftat, hält es das Gericht für möglich, für sie eine Bewährungsstrafe anzuwenden."

Für die anderen beiden Angeklagten Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa blieb es bei der Verurteilung zu zwei Jahren Lagerhaft. Trotzdem konnten sich beide für ihre nun freie Bandkollegin freuen - die drei Frauen lagen sich nach Verkündung des Urteils in den Armen.

Am Auftritt in der Kirche gehindert

Samuzewitsch hatte vor Gericht betont, dass sie nicht direkt an der umstrittenen Protestaktion in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale gegen Präsident Wladimir Putin beteiligt gewesen sei. Ein Ordner hatte sie daran gehindert. "Obwohl ich absolut solidarisch mit meinen Band-Kolleginnen bin, denke ich, dass ich nur für Taten zur Verantwortung gezogen werden kann, die ich tatsächlich begangen habe", betonte sie. Um diese neue Verteidigungsstrategie umzusetzen, habe sie sich vor zehn Tagen von ihrer bisherigen Anwältin getrennt. Dies hat anscheinend zum Erfolg geführt.

Samuzewitsch ließ aber keinen Zweifel daran, dass sie sich nicht von ihren Mitstreiterinnen distanzieren wolle. Es habe sich um eine wichtige politische Aktion gehandelt. Sie entschuldigte sich aber ausdrücklich bei den russisch-orthodoxen Gläubigen dafür, deren religiöse Gefühle möglicherweise verletzt zu haben.

Ihr Vater zeigte sich nach dem Urteil überglücklich: "Das Glück ist irgendwie absolut unerwartet gekommen." Er finde schon, dass das Gericht differenzieren müsse. Andererseits tue es ihm um die anderen beiden sehr leid: "Ich denke, dass sie eine so harte Strafe nicht verdient haben - zwei Jahre Straflager."

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Es gelang offensichtlich nicht, einen Keil zwischen die Bandmitglieder zu treiben - die drei Frauen blieben bei ihrer Putin-Kritik.

Angeklagte nutzen Prozess als Forum für ihre Putin-Kritik

Beide Frauen sind Mütter kleiner Kinder. Sie werden ihre Haft in Kürze antreten müssen. Wann dies passieren wird und wo sie ihre Strafe absitzen werden, ist noch nicht bekannt. Aljochina und Tolokonnikowa hatten ihre Auftritte vor Gericht auch für politische Botschaften genutzt. Richterin Poljakowa hatte versucht, die zu unterbinden, allerdings erfolglos. So warnte Tolokonnikowa vor einer Destabilisierung Russlands während der dritten Amtszeit Putins - der Präsident tue alles, um das Land in einen Bürgerkrieg zu führen.

Doch kämpferisch zeigten sich an diesem Tag nicht nur die beiden Frauen, die weiter in Haft bleiben müssen. Als Samuzewitsch am Nachmittag das Gerichtsgebäude verlassen konnte, wurde sie von "Pussy Riot"-Anhängern begeistert empfangen. In einem ersten Statement meinte sie: "Ich bin froh. Aber ich bin enttäuscht, dass die Strafe für meine Freundinnen nicht geändert wurde." Trotz der Bewährungsstrafe wolle sie weiter für ihre beiden Mitstreiterinnen kämpfen. Das verstehe sich schließlich von selbst.

Nächste Station: Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte?

Anscheinend ist es mit dem heutigen Urteil nicht gelungen, einen Keil zwischen die Band zu treiben. Für Rechtsanwalt Mark Feigin, der die Interessen der inhaftierten Bandmitglieder vertritt, bleibt es jedoch rätselhaft: "Warum hat man eine solche Differenzierung vorgenommen? Wir verstehen nicht, was die wesentlichen Unterschiede zwischen ihren Rollen und persönlichen Charakteristiken sind. Wir sind sehr froh, dass Jekaterina Samuzewitsch freigelassen wurde." Man habe aber eigentlich damit gerechnet, dass alle freigelassen würden.

Feigin kündigte an, nun vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen.

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