Ein Mann sitzt in Ketten auf einer Matratze | Bildquelle: via REUTERS

Human Rights Watch Hunderttausende psychisch Kranke angekettet

Stand: 06.10.2020 16:08 Uhr

"BreakTheChains" - unter diesem Slogan wollen Menschenrechtler auf die Situation psychisch Erkrankter aufmerksam machen: Weltweit werden Hunderttausende teils jahrelang eingesperrt und angekettet - oft von der eigenen Familie.

Hunderttausende Menschen mit psychischen Erkrankungen werden weltweit nach Angaben von Menschenrechtlern angekettet. In einem Bericht von Human Rights Watch (HRW) heißt es, in etwa 60 von 110 untersuchten Ländern in Asien, Afrika, Europa, Nahost sowie in Nord- und Südamerika würden Menschen wochen-, monate- und sogar jahrelang fixiert oder in engen Räumen eingesperrt.

Um diese Praxis zu beenden, hat die Organisation zum Welttag der geistigen Gesundheit (10. Oktober) die globale Kampagne #BreakTheChains initiiert.

Der 56 Seiten umfassende Bericht "Living in Chains" zeigt, dass Betroffene oft durch ihre eigenen Familien zu Hause oder in überfüllten Einrichtungen unter unhygienischen Bedingungen und meist gegen ihren Willen angekettet werden. Gründe seien eine weit verbreitete Stigmatisierung der Erkrankten sowie fehlende psychiatrische Gesundheitsversorgung.

Zur Einnahme von Medikamenten gezwungen

Viele werden demnach gezwungen, auf engstem Raum zu essen, zu schlafen und auch dort ihre Notdurft zu verrichten. In staatlichen oder privaten Einrichtungen ebenso wie in traditionellen oder religiösen Heilzentren würden sie häufig zum Fasten sowie zur Einnahme von Medikamenten oder Kräuterpräparaten gezwungen, heißt es in dem Bericht. Weiter seien sie physischer und sexualisierter Gewalt ausgesetzt.

Der Bericht umfasst Vor-Ort-Untersuchungen und Interviews unter anderem aus Afghanistan, Burkina Faso, Kambodscha, China, Ghana, Indonesien, Kenia, Liberia, Mexiko, Mosambik, Nigeria, Sierra Leone, Palästina, dem Südsudan und dem Jemen. "Das Anketten von Menschen mit psychischen Erkrankungen ist eine weit verbreitete, brutale Praxis, die in vielen Gemeinschaften ein offenes Geheimnis ist", sagte die Autorin und HRW-Expertin für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, Kriti Sharma.

Familien offenbar hilflos

"Menschen verbringen Jahre festgekettet an einem Baum, in Käfigen oder Ziegenställen, einfach weil ihre Familien nicht wissen, was sie sonst mit ihnen machen sollen." Die Regierung bietet ihnen "keine vernünftige menschenwürdige Alternative".

Human Rights Watch sprach mit mehr als 350 Menschen mit psychosozialen Behinderungen, einschließlich Kindern, sowie mit 430 Familienmitgliedern, Angestellten von Einrichtungen, Fachleuten auf dem Gebiet psychischer Erkrankungen, Wunderheilern, Regierungsbeamten und Aktivisten, die sich für die Rechte behinderter Menschen einsetzen.

Über dieses Thema berichtete die Deutsche Welle in der Sendung "Global 3000" am 09. Juni 2014.

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