Vor einem bunten Wandbild, das das Gesicht und den Namen von George Floyd zeigt, stehen Blumen. |

Polizeigewalt in den USA Die Hoffnung auf Gerechtigkeit

Stand: 08.03.2021 05:30 Uhr

Knapp zehn Monate nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd bereitet sich Minneapolis auf den Prozess gegen den Ex-Polizisten Derek Chauvin vor. Die Stimmung in der Stadt bleibt angespannt.

Von Claudia Buckenmaier und Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Das Bild von George Floyd in der 38. Straße hat frische Farbe erhalten. In der Sonne leuchtet das Porträt des 46-jährigen schwarzen Mannes, der unter dem Knie eines weißen Polizisten starb. Odell Wilson fotografiert einen Freund und dessen Sohn vor dem Wandbild. Die beiden sind aus Massachusetts zu Besuch in Minneapolis, also der Stadt, auf die sich jetzt wieder alle Augen richten. An diesem Montag beginnt der Prozess gegen den Ex-Polizisten Derek Chauvin.

Claudia Buckenmaier ARD-Studio Washington
Torsten Teichmann ARD-Studio Washington

"I can't breathe"

Chauvin hatte am 25. Mai 2020 an der Ecke Chicago Avenue und 38. Straße bei einer Festnahme sein Knie acht Minuten und 46 Sekunden in George Floyds Hals gepresst. Das Video ging um die Welt, das zeigt, wie der schwarze US-Amerikaner am Boden liegt und immer wieder ruft, "I can’t breath",  er könne nicht atmen. Ein gefälschter 20 Dollar-Schein, mit dem Floyd zuvor bezahlt haben soll, wird auch Teil des Strafprozesses sein.

Die Staatsanwaltschaft will zweifelsfrei nachweisen, dass der Beamte bei der Festnahme George Floyd mit Vorsatz Verletzungen zugefügt hat, in deren Folge Floyd starb. Die Anklage lautet auf Mord zweiten Grades und Totschlag. Im Zentrum der Anklage steht eine weit verbreitete Polizeipraxis in den USA - und deshalb sind viele skeptisch.

Odell Wilson verbindet mit dem Verfahren dagegen große Hoffnung. "Ich hab mich entschieden zu glauben, dass sich dieses Mal wirklich etwas ändert", sagt er. Wilson ist Bewährungshelfer. Er habe sich bewusst entschieden, als Schwarzer im Bereich der Strafverfolgung zu arbeiten. Er spricht von der Ungerechtigkeiten des Systems, das seiner Ansicht nach von Rassismus geprägt ist.

Wieder Proteste gegen Polizeigewalt

Die Tage kurz vor Beginn des Prozesses waren auch wieder von neuen Protesten gegen Polizeigewalt begleitet. Kleine Demonstrationen, wie die im benachbarten Saint Paul, bei der Protestierende entlang der Summit Avenue mit ihren prachtvollen Villen aus der Zeit der amerikanischen Eisenbahnbarone vor die Residenz des Gouverneurs von Minnesota, Tim Walz, zogen.

Auf ihren Plakaten waren die Gesichter von George Floyd und anderen Opfern von Polizeigewalt zu sehen. Etwa von Kobe Heisler, der 2019 in Minneapolis von Polizisten im Haus seiner Familie niedergeschossen worden war. Kobe Heisler war Autist und in einer Krisensituation hatten die Eltern die Polizei gerufen.

Der Beamte, der den 21-Jährigen erschoss, wurde nie angeklagt. Demonstranten wie Kendra Waldauer sind deshalb auch skeptisch, ob Chauvin für den Tod von George Floyd zur Verantwortung gezogen wird. "Es fällt schwer, Hoffnung zu haben", sagt Kendra. Immer wieder habe das Land erlebt, dass Polizisten davonkommen, selbst wenn es Videobeweise gab.

Ein Schild mit der Aufschrift "You are now entering the Free State of George Floyd" steht neben einem Gitter auf der Straße. |

In Minneapolis gibt es immer wieder Demonstrationen - für George Floyd und andere Opfer von Polizeigewalt.

Das Gericht als Festung

Verhandelt wird im Bezirksgericht, im Zentrum von Minneapolis. Das kantige Hochhaus mit einer Fassade aus rosa Steinquadern wirkt ohnehin schon wie eine Festung. Die Polizei hat die Umgebung mit Zahnfeldern, Stacheldraht, Betonblöcken und vielen Beamten abgesperrt. 2000 Mitglieder der Nationalgarde wurden einberufen. Ganz oben, im 18. Stock, findet die Verhandlung statt.

In den ersten Tagen suchen Anklage und Verteidigung die Geschworenen aus. Nur wenige können den Prozessauftakt persönlich verfolgen: Ein Mitglied der Familie des Opfers, ein Mitglied der Familie des Angeklagten. Auch die Presse muss draußen bleiben. Vor dem Gebäude, aber hinter dem Zaun, steht bereits der Übertragungswagen des Court TV, des US-Gerichtsfernsehens. Der Kanal wird den Prozess live übertragen.

Vor allem schwarze US-Amerikaner in Minneapolis kritisieren die Aufrüstung rund um das Gericht. Dafür sei Geld vorhanden, werfen sie den Behörden vor, nicht aber für Not leidende Gemeinden. Das zeige nur, dass die Polizei nichts dazugelernt habe. Scott Gerlicher leitet die Einheit für Sondereinsätze und Aufklärung. Er weist diese Kritik zurück. "Wir haben Bereiche geschaffen, in denen demonstriert werden kann," erklärt er. "Außerdem haben wir das Recht, unsere Gebäude zu schützen." Das klingt streng und entschieden. Doch als ein Black Lives Matter-Aktivist zufällig vorbeikommt und ihn anspricht, ändert Gerlicher seinen Ton. Er klingt entgegenkommend: "Wir brauchen dabei Eure Hilfe", wirbt Gerlicher um den Passanten.

25 Prozent mehr schwere Straftaten

Die Zahl der schweren Straftaten ist in Minneapolis im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen im Vergleich zu den Jahren davor. Familien in besseren Vierteln klagen, die Zahl der Autodiebstähle sei erschreckend. In der Nacht zum Sonntag war in der Nähe der George Floyd Wandgemäldes ein Mann nach einem Streit erschossen worden.

Aktivistinnen wie Robin Wonsley Worlobah fühlen sich darin bestärkt, dass sich etwas ändern muss. "Wir sind mitten in einer Pandemie", erklärt Wolobah. Leute in ihrem Viertel könnten keine Miete zahlen oder hätten ihren Job ganz verloren. Aber die Stadt tue nichts, um ihnen zu helfen, so die Gewerkschafterin. Sicherheit könne es nur geben, wenn es allen gut gehe.

Hoffnung auf Veränderung

Während der Unruhen im vergangenen Jahr, nach dem brutalen Tod von George Floyd, wurden unzählige Geschäfte geplündert und niedergebrannt. Wahllos, das heißt auch Geschäfte, die Schwarzen gehören, so wie die Apotheke von Elias Usso und seiner Frau Mawerdi Hamid. Die unabhängige Stadtteilapotheke war gerade mal ein Jahr alt, als ihr Geschäft zerstört wurde. Schuld daran haben in ihren Augen jedoch vor allem Derek Chauvin, die anderen Polizisten und der existierende Rassismus.

"Manchmal muss man einen Preis für etwas bezahlen, das man will", erklärt uns Mawerdi Hamid. Die zerstörte Apotheke war der Preis und worauf die beiden hoffen, ist Veränderung. Sie wolle nicht länger in ständiger Angst um ihren Mann leben, sagt Mawerdi Hamid. "Stellen Sie sich vor, die Apotheke wird überfallen", erklärt sie, "mein Mann ruft die Polizei, aber er hat seinen weißen Kittel nicht an." Dann sei es immer noch gut möglich, dass die Polizisten ihn für den Verbrecher halten - ihn, der eigentlich um Hilfe gerufen hatte.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. März 2021 um 07:35 Uhr.