Bei Zusammenstößen von Demonstranten und Sicherheitskräften in Ramallah fliegen Steine, dazwischen steigen Tränengas-Wolken auf. | AFP

Nach Tod von Abbas-Kritiker Gewalt bei Protesten im Westjordanland

Stand: 27.06.2021 10:53 Uhr

Nach dem gewaltsamen Tod des Menschenrechtsaktivisten Nizar Banat sind im Westjordanland gestern wieder Hunderte Menschen gegen die Palästinensische Autonomiebehörde auf die Straße gegangen. Es kam zu Zusammenstößen mit Sicherheitskräften.

Auf den Straßen von Ramallah entlud sich gestern der Frust. Der Frust vieler Palästinenser über ihre eigene Führung. Hunderte demonstrierten den dritten Tag in Folge gegen den Tod des Menschenrechtsaktivisten Nizar Banat. Er hatte der Führung der Palästinenser immer wieder Korruption vorgeworfen. Am Donnerstag soll er kurz nach der Festnahme durch palästinensische Sicherheitskräfte in Hebron geschlagen und getötet worden sein. Die Behörden untersuchen den Fall nun.

Bei der Demonstration in Ramallah gab es gewaltsame Zusammenstöße mit Sicherheitskräften. Nach Steinwürfen von Demonstrierenden setzten die Sicherheitskräfte Tränengas ein, wie ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Videoaufnahmen zeigen aber auch Sicherheitskräfte in zivil, die mit Stöcken auf friedlich Demonstrierende und Journalistinnen und Journalisten losgehen.

Wachsende Unzufriedenheit mit Abbas

Seit mehr als 15 Jahren wurden Präsident Mahmut Abbas und seine Autonomiebehörde nicht mehr demokratisch legitimiert. Erst vor einigen Wochen hatte er eine Parlamentswahl auf unbestimmte Zeit verschoben. Der 43-jährige Nizar Banat hatte sich auch als Kandidat für diese Wahl registrieren lassen. Er war bekannt für seine bei Facebook veröffentlichten Videos, in denen er der Autonomiebehörde Korruption vorwarf.

Demonstranten halten ein Bild des getöteten Regierungskritikers Nizar Banat hoch. | AP

Demonstranten halten ein Bild des getöteten Regierungskritikers Nizar Banat hoch. Seine Familie wirft den Sicherheitskräften vor, ihn mit Schlagstöcken zu Tode geprügelt zu haben. Bild: AP

Der Gouverneur Dschibrin al-Bakri hatte am Donnerstag gesagt, nach der Festnahme habe sich Banats "Gesundheitszustand verschlechtert", danach sei er sofort in ein Krankenhaus gebracht worden, "wo er für tot erklärt wurde". Zwischen Banats Festnahme und seinem Tod verging weniger als eine Stunde, wie der Arzt Samir Abu Sarsur nach der Autopsie sagte. Er sprach von Verletzungen an Kopf, Brust, Nacken, Beinen und Händen. Am Freitag wurde Banat beerdigt, an seinem Trauerzug nahmen Tausende Menschen teil.

Länder wie Israel, aber auch Deutschland und die USA befinden sich in einer diplomatisch schwierigen Situation: Sie arbeiten mit der Palästinensischen Autonomiebehörde und deren Sicherheitskräften zusammen, allerdings sinkt deren Rückhalt in der palästinensischen Bevölkerung immer mehr. Auch der verstorbene Aktivist Banat hatte die EU aufgefordert, die Finanzierung der Autonomiebehörde einzustellen.

Mit Informationen von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 27. Juni 2021 um 08:41 Uhr.