Eine Tränengaswolke umhüllt Demonstranten während eines Protests gegen die Regierung im Irak | Bildquelle: dpa

Proteste im Irak Tödliches Tränengas

Stand: 04.11.2019 16:28 Uhr

Im Irak gehen die Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen die Proteste vor. Ärzte berichten von brutalen Verletzungen bei Demonstranten. Ein Besuch im improvisierten Feldlazarett in Bagdad.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo zzt. in Bagdad

Frauen und Männer in weißen Kitteln kümmern sich um einen jungen Kerl, der auf einer Trage in einem improvisierten Feldlazarett am Tahrir-Platz in Bagdad liegt. Doktor Mustafa Radari erklärt, was passiert ist: Der Freund des Mannes sei gerade getötet worden. Der junge Mann sei daraufhin ohnmächtig geworden.

Radari ist noch nicht lange Arzt. Er und die anderen Weißkittel - Medizinstudenten, Sanitäter, Apotheker - helfen hier als Freiwillige in Schichten. Das Zelt, die Medikamente, zwei Sauerstoffflaschen und Beatmungsgeräte wurden von Bürgern gespendet. Hier gibt es Erste Hilfe für diejenigen, die auf der Jumhuriya-Brücke verletzt wurden, wo sich Sicherheitskräfte und Protestler direkt gegenüberstehen.

Seit Wochen Proteste

Seit Anfang Oktober protestierten im Irak die Menschen gegen Korruption und hohe Arbeitslosenzahlen. Am Montag schossen die Polizisten laut Augenzeugen mit scharfer Munition auf die Demonstranten. Bisher setzten die Sicherheitsbehörden vor allem Tränengasgranaten ein. Die waren allerdings häufig nicht weniger gefährlich.

Demonstranten gehen vor Tränengas in Deckung | Bildquelle: dpa
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Demonstranten gehen vor Tränengas in Deckung

Das Problem an den Tränengasgranaten seien nicht der Rauch oder die tränenden Augen, sagt Arzt Radari. "Das Problem ist, dass sie schwerste Verletzungen verursachen, an Kopf, Brust, Bauch, dem Rücken - das ist es, wovor die Leute Angst haben."

Thaar Tareq hat beobachtet, wie der Freund des jungen Mannes, der im Feldlazarett behandelt wird, gerade ums Leben kam. Er sagt, eine Tränengasgranate habe den Schädel des Mannes gespalten. "Sie demonstrierten und riefen gegen die Sicherheitskräfte - sie haben nur gerufen, mehr nicht. Und dann haben die Sicherheitskräfte fünf Mal geschossen. Ich bin Zeuge! Sie haben fünf Mal geschossen."

Tief in den Schädel eingedrungen

Eine Granate davon habe einen Mann getroffen und seinen Kopf geteilt, eine andere einen Mann am Ohr. "Das ist ein Kriegsverbrechen und soll durch das internationale Gesetz bestraft werden", sagt Tareq. An diesem Mittag ist es das erste Todesopfer des Tages in Bagdad. Der Schütze zog den Abzug am helllichten Tag. Doch kann eine Tränengasgranate wirklich tödlich sein?

Was Radari berichtet hat, bestätigt eine andere Ärztin, die an einer anderen Erste-Hilfe-Station arbeitet. "Wir bekommen hier Fälle, wo die Menschen direkt beschossen wurden und die Granate im Körper blieb", sagt Nour Abdel Aziz.

Rund um den 25. Oktober tauchten die ersten Fotos und Videos im Internet auf, die Fürchterliches zeigten: Ein toter Mann beispielweise, in dessen Auge eine Tränengasgranate festsaß. Bei einem weiteren Getöteten war die Granate an anderer Stelle tief in den Schädel eingedrungen und qualmte weiter. 

Amnesty protestiert

Wieviele Menschen bisher durch Tränengasgranaten ums Leben kamen, ist nicht bekannt. Auf dem Tahrir-Platz hat Mohammed Adnan Dutzende leere Gaskartuschen zu einer kleinen Gedenkstätte auf den Asphalt gelegt. "In der Welt wissen alle, dass Tränengasgranaten in die Luft geschossen werden. Dort explodieren sie, und der Rauch sinkt zu Boden", sagt er. Doch hier kämen die Granaten direkt. "Das bedeutet, dass es absichtlich ist."

Laut Amnesty International setzen die irakischen Sicherheitskräfte zwei bisher unbekannte Typen von Tränengasgranaten ein, die wesentlich größer und schwerer als gewöhnliche sind. Die Art der Verletzungen und der Winkel des Eintritts in den Körper ließen vermuten, dass die Granaten direkt auf Demonstranten abgefeuert werden, so die Menschenrechtsorganisation. Die irakische Regierung erklärte, sie prüfe die Angaben von Amnesty.

Wenn Tränengas tötet
Carsten Kühntopp, ARD Kairo
04.11.2019 15:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. November 2019 um 07:43 Uhr.

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