Leere Kirche am Amazonas | Bildquelle: Matthias Ebert

Amazonas-Region "Drei Priester sind viel zu wenig"

Stand: 27.10.2019 19:22 Uhr

In der Amazonas-Region sind die Nachwuchssorgen der katholischen Kirche besonders deutlich zu spüren. Hier hofft man auf eine Öffnung des Priesteramts für verheiratete Männer. Doch wie entscheidet der Papst?

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Der Amazonas schimmert silbern, als die Sonne ihre ersten Strahlen in Richtung der Gläubigen am Ufer sendet. Mit erhobenen Händen zelebriert Priester Edilberto die Heilige Messe vor 300 Jugendlichen. Der 77-Jährige ist hier, am Rio Arapiuns, einem Nebenfluss des Amazonas, einer von gerade mal drei Priestern, der in dieser riesigen Region das Brot zur Hostie wandeln darf.

"Drei Priester sind viel zu wenig für dieses Gebiet", kritisiert Priester Edilberto. Seine Gemeinde am Rio Arapiuns umfasst 56 Dörfer. Sie liegen aufgereiht am Flussufer wie an einer Perlenkette - bis zu 15 Stunden Bootsfahrt voneinander entfernt. "In die entlegenen Dörfer kommen wir höchstes ein Mal in drei Monaten, um die Eucharistie zu feiern." Viel zu selten, klagt Edilberto.

Heilige Messe vor 300 Jugendlichen | Bildquelle: Matthias Ebert
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Mit erhobenen Händen zelebriert Priester Edilberto die Heilige Messe vor Jugendlichen.

Es fehlt an Nachwuchs

Der Priestermangel im Amazonas ist ein großes Problem für viele katholische Gemeinden. Es fehlt am Nachwuchs, der sich den strengen Regeln des Zölibats unterwerfen mag. Deshalb wirken die meisten Kirchen am Flussufer verwaist. Farbe blättert ab, Feuchtigkeit zieht in den Wänden hoch. Für Milson Cardoso ist das eine tragische Entwicklung. Der gläubige Katholik wünscht sich, dass die Heilige Messe jeden Sonntag in seinem Dorf stattfindet - so wie bei den Evangelikalen, die sich immer mehr im Amazonas Brasiliens ausbreiten.

"Jeder Mann braucht doch eine Partnerin. Die Pfarrer der evangelikalen Kirchen haben auch welche. Also sollten auch die katholischen Priester eine Frau haben dürfen", fordert Milson. Der Fischer und Fährmann schaute in den vergangenen Tagen neugierig nach Rom. Dort, bei der Amazonas-Synode im Vatikan, diskutierten Bischöfe aus der Amazonas-Region, ob man das Priesteramt für verheiratete Männer öffnen sollte.

Nach zähem Ringen gelang in Rom der Durchbruch: Mehr als zwei Drittel der Amazonas-Bischöfe sprachen sich dafür aus, verheiratete Männer zum Priesteramt zuzulassen. Voraussetzung dafür sei, dass diese bereits als Diakone tätig sind. Diesem offiziellen Abschlussdokument der Synode muss in den kommenden Monaten noch Papst Franziskus zustimmen.

Milson Cardoso kann sich vorstellen, zukünftig selbst die sonntägliche Messe in seinem Dorf zu leiten. Seine Frau Jucileni besteht jedoch darauf, dass er verheiratet bleibt: "Das muss doch jetzt möglich sein. Die evangelikalen Pfarrer haben doch auch Frau und Kind."

Freikirchen im Aufwind

Der Aufstieg der charismatischen Freikirchen im Amazonas besorgt Priester Edilberto. Die seien in den Dörfern präsenter und erhalten immer mehr Zulauf - auch durch Katholiken. Deshalb tritt Edilberto seit Jahren für ein Ende des strengen Zölibats ein. "Wenn ein Priester keusch leben will - okay. Es soll im Amazonas aber freiwillig sein und nicht vorgeschrieben."

Nach der Messe diskutiert Edilberto mit katholischen Jugendlichen am Flussufer. Diese fordern radikalere Veränderungen. So wie die 21-jährige Julia Carmen: "Es wäre toll, wenn auch Frauen wie ich die heilige Messe leiten dürften." Edilberto muss schmunzeln. Auch das sei vielleicht möglich, aber nicht so bald: "Erst mal wird Papst Franziskus verheiratete Männer zur Heiligen Messe zulassen. Aber wenn Gott will, dürfen das irgendwann sogar Frauen."

Es sind beinahe revolutionäre Forderungen, die im Amazonas ihren Ursprung haben. Sie könnten die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern - und gleichzeitig modernisieren.

Amazonassynode: Priesterweihe auch für verheiratete Männer
Tilmann Kleinjung, ARD Rom
27.10.2019 00:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Oktober 2019 um 13:23 Uhr.

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