Frauen öffnen zur Auszählung eine Kiste mit Stimmzetteln | AP

Stimmenauszählung nach Wahl Machtwechsel im Iran erwartet

Stand: 19.06.2021 01:48 Uhr

Die Präsidentenwahl im Iran ist beendet, ein Machtwechsel im Land gilt schon vor der Auszählung der Stimmen als sicher. Hoffnung auf große Veränderungen haben die Iraner dennoch nicht. Sie fürchten, dass sich der Iran weiter isoliert.

Die Präsidentenwahl im Iran ist nach 19 Stunden beendet. Gewählt wurde ein Nachfolger für Präsident Hassan Ruhani, der nach zwei Amtsperioden nicht mehr antreten durfte. Stimmberechtigt waren mehr als 59 Millionen Menschen, allerdings wollten weniger als die Hälfte von ihnen an der Wahl teilnehmen.

Wegen der Corona-Krise war die Öffnungszeit der Wahllokale verlängert und ihre Zahl auf mehr als 70.000 erhöht worden. Das iranische Innenministerium hat noch in der Nacht mit der Stimmenauszählung begonnen. Erste Ergebnisse sollen laut Innenministerium am Nachmittag und das Endergebnis am Sonntag bekanntgegeben werden. Der neue Präsident soll dann im August vereidigt werden.

Nach Angaben des iranischen Staatsfernsehens war die Wahlbeteiligung landesweit hoch, auch in der Hauptstadt Teheran. Laut Augenzeugen jedoch gab es zwar eine rege Beteiligung in einigen Teilen im Süden Teherans, aber sonst waren die Wahllokale in der Millionenmetropole relativ leer. Laut Umfragen wollten ungefähr 40 Prozent an der Wahl teilnehmen.

Justizchef Raeissi klarer Favorit

Nach der Wahl erwarten Beobachter einen politischen Machtwechsel. Von den zunächst sieben zugelassenen Kandidaten gingen am Wahltag nur noch vier ins Rennen. Ein erzkonservativer Kleriker, ein Reformer, ein ehemaliger General und ein Hardliner. Als klarer Favorit wird der Kleriker und Justizchef Ebrahim Raeissi gehandelt. Außenseiterchancen werden dem reformorientierten Ökonomen Abdolnasser Hemmati eingeräumt, der insbesondere auf Proteststimmen hofft.

In weiten Teilen der Bevölkerung gilt ein Wahlsieg Raeissis als sicher. Vor vier Jahren noch an Ruhani gescheitert, stellt sich dieses Mal sein Weg ins Präsidialamt wesentlich einfacher dar. Dafür sorgte auch der sogenannte Wächterrat, der als Wahlgremium ernsthafte Konkurrenten aussortierte. Dies führte sogar in den eigenen Reihen zu heftigen Protesten - und zu großem Desinteresse der Menschen an einer Wahl, die weithin als inszeniert und undemokratisch wahrgenommen wurde.

In der Bevölkerung herrscht daher mehr Skepsis als Hoffnung. Von Ruhani und den Reformern enttäuscht, erwarten die meisten Perser auch von Raeissi keine großen Veränderungen. Sie hoffen vor allem auf ein Ende der Wirtschaftskrise. Gleichzeitig befürchten viele, dass Raeissis Politik zu einer erneuten Isolierung ihres Landes führen könnte.

Raeissi will US-Atomabkommen respektieren

Als Präsident würde Raeissi nach Überzeugung von Experten den moderaten Kurs Ruhanis nicht fortsetzen. Im Wahlkampf fokussierte er sich mehr auf Wirtschaftsthemen und versprach ein schnelles Ende der durch die US-Sanktionen verursachten Finanzkrise. Doch ohne Verhandlungen mit den USA über die Zukunft des inzwischen von beiden Seiten unterminierten Wiener Atomabkommens von 2015 wäre ein Ende der Sanktionen - und der schon fast drei Jahre währenden Wirtschaftskrise - nicht machbar. Genau dieses Abkommen hat Raeissi in den vergangenen Jahren indes scharf kritisiert.

Inzwischen klingt sein Standpunkt jedoch weniger radikal. "Wir werden das Abkommen respektieren, die Bedingungen dafür stellen aber wir, nicht die USA", sagte er im Wahlkampf. Seine Bedingungen dafür wolle er erst später bekanntgeben. Auch in der Nahost-Politik erwarten Beobachter bei Übernahme des Präsidentenamts durch Raeissi einen radikaleren Kurs, im Verhältnis zum Erzfeind Israel einen gar noch feindseligeren als bislang.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 18. Juni 2021 um 21:43 Uhr und die tagesschau am 19. Juni 2021 um 09:50 Uhr.