Wiedereröffnung von Schulen in Seixal, Portugal am 18. Mai 2020 | Bildquelle: MANUEL DE ALMEIDA/EPA-EFE/Shutte

Portugal Corona greift in Armenvierteln um sich

Stand: 09.06.2020 16:05 Uhr

Portugal wünscht sich einen Neustart des Tourismus. Doch vor allem in den Armenvierteln rund um Lissabon breitet sich das Coronavirus aus. Die Regierung versucht, gegenzusteuern.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Das Bairro da Jamaica ist nur wenige Autominuten von Lissabon entfernt, auf der anderen Seite des Flusses Tejo. Doch das Viertel hat so gar nichts gemein mit den Postkartenmotiven der portugiesischen Hauptstadt.

Wohnblocks und Wellblechhütten, die nicht fertig gebaut sind, stehen hier. Zwischen ihnen hängen wild gespannte Stromleitungen, Müll liegt herum. Das Bild erinnert an die Favelas in Großstädten Brasiliens.

Kein Geld für Masken

Im Bairro da Jamaica leben vor allem schwarze Einwanderer aus portugiesischen Ex-Kolonien, zum Beispiel von den kapverdischen Inseln. Es herrsche große Armut, sagt Salima Mendes, Vorsitzender einer Einwohnervereinigung. Viele seiner Nachbarn hätten kein fließendes Wasser.

"Hier gibt es Menschen, die haben nicht einmal 50 Cent am Tag für etwas zu essen. Wie sollen sie sich Masken kaufen oder Desinfektionsmittel, um die Hände zu waschen und all das?“

Wegen der schlechten hygienischen Bedingungen breitet sich das Coronavirus im Bairro da Jamaica schnell aus. Die Behörden haben schon Cafés und Restaurants geschlossen - die einzigen Treffpunkte der Bewohner, die immer gut besucht waren.

Gesundheitsministerin: Hohe Zahlen bleiben

Dass gerade die Armenviertel ein Problem sind, gesteht auch Portugals Gesundheitsministerin Marta Temido ein. Es sei zu erwarten, dass die Covid-19-Neuerkrankungen im Großraum Lissabon in den nächsten Tagen hoch blieben, sagt sie. "Sie dürften erst später wieder sinken."

Lissabon und Umgebung haben sich erst seit kurzem zum Corona-Hotspot entwickelt. Zu Beginn der Pandemie war eher der Norden Portugals betroffen, die Region rund um die Stadt Porto. Dort entspannt sich die Lage nun, und die Fälle in der Hauptstadtzone nehmen zu.

Strenge Sicherheitsmaßnahmen in Lissabon

In den vergangenen Tagen haben die portugiesischen Behörden täglich etwa 300 neue Corona-Fälle registriert, 80 Prozent davon rund um Lissabon. Deshalb gelten hier auch weiterhin strenge Sicherheitsmaßnahmen: Einkaufszentren, die im Rest des Landes wieder geöffnet haben, bleiben in Lissabon und Umgebung mindestens noch eine Woche geschlossen. Menschenansammlungen von mehr als zehn Personen sind verboten. Die Krankenhäuser behandeln bis auf weiteres wieder nur Notfälle, um mehr Kapazitäten für Covid-19-Patienten zu schaffen.

Die Gesundheitsministerin erklärt, das im Augenblick nicht dringend nötige Behandlungen und Operationen ausgesetzt seien. "Wir erwarten, dass im Großraum Lissabon in den nächsten Wochen die Krankenhäuser wieder zum Normalbetrieb übergehen werden können, so wie im Rest des Landes", erläuterte Temido.

António Costa | Bildquelle: TIAGO PETINGA/EPA-EFE/Shuttersto
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Demonstrativer Auftritt von Ministerpräsident António Costa in der Innenstadt Lissabons: Mittagessen in der Innenstadt.

Hoffnung auf Touristen

Die Entwicklung kommt für Portugal zu einem schlechten Zeitpunkt. In den nächsten Wochen will das Land sich wieder für Touristen aus dem Ausland öffnen.

Ministerpräsident António Costa möchte deshalb Entspannung demonstrieren. Er ging in den vergangenen Tagen öffentlichkeitswirksam in der Lissaboner Innenstadt essen und besuchte den Flughafen. Seiner Ansicht nach muss sich kein Urlauber Sorgen machen.

"Ich kann mich nur dem anschließend, was die Gesundheitsbehörde und die internationalen Luftfahrtbehörden schon gesagt haben: Der Lissaboner Flughafen und die anderen portugiesischen Flughäfen sind bereit und sicher für einen Flugverkehr unter normalen Bedingungen."

Wenig Fälle an der Küste

Bis Urlaub unter normalen Bedingungen wieder möglich ist, wird es noch etwas dauern. Am ehesten wohl in den Küstenregionen Portugals: Hier melden weiterhin nur wenige Orte Covid-19-Fälle.

 

Corona in Portugal: Armenviertel bei Lissabon werden zum Problem
Oliver Neuroth, ARD Madrid
09.06.2020 15:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Mai 2020 um 08:38 Uhr.

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