Boris Johnson (Archivbild) | Bildquelle: REUTERS

Boris Johnson Kurz vor dem Ziel?

Stand: 07.06.2019 20:32 Uhr

Vor drei Jahren wähnte er sich bereits an seinem Ziel. Jetzt könnte Boris Johnson tatsächlich der nächste britische Premier werden - trotz oder sogar wegen seiner zweifelhaften Methoden und Marotten.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Boris Johnson und David Cameron, Archivbild
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Ziemlich beste Feinde: Boris Johnson überlebte politisch seinen Rivalen David Cameron.

Viele sagen, Boris Johnson habe am 24. Juni 2016 den Ausschlag für den Brexit gegeben. Er persönlich habe mindestens zehn Prozent der Wähler dazu gebracht, beim EU-Referendum für den Austritt zu stimmen - vor allem, um seinen Rivalen David Cameron aus dem Amt zu drängen und selber Premierminister zu werden. Das könnte ihm jetzt mit etwas Verzögerung gelingen.

Nach dem Referendum und Camerons Rücktritt war das noch schief gegangen. Sein Brexit-Mitstreiter Michael Gove hatte ihm überraschend die Unterstützung entzogen und  ging selber ins Rennen. Johnson zog daraufhin seine Kandidatur zurück.

Viele misstrauen "Bruder Leichtfuß"

Zwar war der bullige Ex-Bürgermeister von London bei den Parteimitgliedern schon damals immens beliebt - auf Parteitagen rockte der verwuschelte Blondschopf regelmäßig die Halle. Doch in der Fraktion hatte er zu viele Gegner. Sie sahen in ihm einen Bruder Leichtfuß, dem man lieber kein wichtiges Amt anvertrauen sollte: "Boris ist das Leben und die Seele jeder Party. Aber nicht der Mann, von dem man am Ende des Abends nach Hause gefahren werden möchte", sagte 2016 die heutige Arbeitsministerin Amber Rudd.

Schwieriges Verhältnis zur Wahrheit

Johnson hat es mit der Wahrheit nie so genau genommen. Als junger Korrespondent der "Times" in Brüssel schüttete er regelmäßig Gift und Galle über der EU-Bürokratie aus. Die Zeitung schmiss ihn dann allerdings raus, weil viele Zitate, mit denen er seine Artikel aufpeppte, frei erfunden waren.

Der rote Bus der Brexit-Befürworter, der Zahlungen an die EU mit dem Budget britischer Krankenhäuser vergleicht. (Archivbild vom 27.05.2016) | Bildquelle: AFP
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Johnsons Behauptungen über die EU-Kosten erwiesen sich als unwahr - vor Gericht musste er sich trotzdem nicht verantworten.

Vor dem Referendum versprach die Aufschrift auf dem roten Bus, mit dem Johnson durchs Land fuhr, man könne 350 Millionen Pfund pro Woche durch den Austritt aus der EU sparen und stattdessen in britische Krankenhäuser investieren. Die Zahl stimmte nicht.

Edle Erziehung, proletenhaftes Auftreten

Der im Elite-Internat Eton erzogene Sohn eines früheren konservativen Abgeordneten des EU-Parlaments und Weltbank-Mitarbeiters war bereits auf der Universität in Oxford als Großmaul aufgefallen. Später, als sich US-Präsident Barack Obama vor dem Referendum für den Verbleib Großbritanniens einsetzte, tat Johnson das mit dem Hinweis ab, der US-Präsident sei ja Halb-Kenianer und deshalb den Briten nicht wohlgesonnen.

Trotzdem holte Theresa May den Un-Diplomaten und Unruhestifter als Außenminister ins Kabinett. Sie wollte ihn dadurch in die Kabinettsdisziplin einbinden, was nicht wirklich gelang - Johnson ließ auf diplomatischem Parkett so gut wie kein Fettnäpfchen aus. Vor einem Jahr trat er als Außenminister zurück, weil er beim Brexit einen härteren Schnitt mit der EU wollte als die Premierministerin.

Für Torys der Retter in der Not?

Boris Johnson (Archivbild) | Bildquelle: AP
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Jovial - oder einfach nur unverschämt? An Boris Johnson scheiden sich die Geister.

Jetzt ist er der Favorit für ihre Nachfolge, denn viele konservative Abgeordnete haben die Vorbehalte gegen ihn aufgegeben - aus Verzweiflung nach der Wahl zum EU-Parlament, bei der die Torys nur noch neun Prozent erreichten.

Nicht nur die Mitglieder der Partei, sondern inzwischen wohl auch die meisten konservativen Abgeordneten sehen in dem populären Johnson, den alle nur Boris nennen, den einzigen, der einen Labour-Premierminister Jeremy Corbyn verhindern und Nigel Farage mit seiner Brexit-Partei in die Schranken weisen kann.

Brexit - auch ohne Abkommen

Johnson verspricht, nur er könne die konservative Partei vor dem Untergang retten: "Wenn ich Premierminister bin, werden wir die EU am 31. Oktober verlassen, mit oder ohne Abkommen", kündigt Johnson in dem Werbevideo an, mit dem er innerparteilich auf Stimmenfang geht.

Das bleibt abzuwarten. Boris Johnson ist bekannt dafür, dass er seine politischen Pläne auch gern mal ändert. Aber immerhin strahlt er Zuversicht und Tatkraft aus - genau danach lechzen jetzt die verzweifelten Torys.

Boris Johnson: Favorit für die May-Nachfolge?
Jens-Peter Marquardt, ARD London
07.06.2019 19:05 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. Juni 2019 um 10:27 Uhr.

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