Solidarnosc | Bildquelle: picture alliance / dpa

Friedliche Revolution Wie Polen die Mauer (mit)kippte

Stand: 30.09.2019 13:31 Uhr

Ungarn oder Tschechien sind Fixpunkte beim Erinnern an den Mauerfall. Polen taucht dabei eher selten auf. Dabei hat die Gewerkschaftsbewegung des Landes maßgeblich zur politischen Wende 1989 beigetragen.

Von Olaf Bock und Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Lech Walesa - langjähriger Solidarnosc-Vorsitzender und von 1990 bis 1995 polnischer Staatspräsident.
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Lech Walesa war Solidarnosc-Vorsitzender und von 1990 bis 1995 Staatspräsident.

Wenn er über die Vergangenheit spricht, beginnen die Augen von Lech Walesa zu leuchten. Der frühere Gewerkschaftsführer und Friedensnobelpreisträger sitzt in seinem Danziger Büro. Er trägt eine gelbe Brille. Damit sehe er besser, sagt er. Und ein T-Shirt mit der polnischen Aufschrift "Verfassung". Schon lange liegt er mit der jetzigen Regierung über Kreuz.

Damals, 1989, war er der Anführer einer Arbeiterbewegung, die durch ihren friedlichen Kampf gegen die Zustände im Land die kommunistischen Politiker an einen Runden Tisch zwang. Jahre zuvor schien das noch undenkbar: 1981 wurde das Kriegsrecht verhängt, die Gewerkschaft Solidarnosc sogar verboten. Ihre Anführer wurden zeitweilig inhaftiert, es begannen Massendemonstrationen.

Der Anfang vom Ende der Sowjetunion

Schließlich gab es den Runden Tisch von Februar bis April 1989. Zur Parlamentswahl im Sommer trat Solidarnosc an und erhielt 99 Prozent der Stimmen. Zunächst bekamen die Wahlsieger aber nur die Hälfte der Abgeordneten-Plätze - eher ein halber Sieg. Im September übernahm Solidarnosc-Premier Tadeusz Mazowiecki die Regierung. 1990 löste Lech Walesa den kommunistischen General Wojciech Witold Jaruzelski ab und wurde damit zum ersten Staatspräsidenten des postkommunistischen Polens. Der Runde Tisch wurde zum Modell für den gewaltfreien Machtwechsel in Mittel- und Osteuropa.

Runder Tisch 1989 in Polen
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Im Februar 1989 willigt das geschwächte Jaruzelski-Regime in Gespräche mit der Opposition ein. Der Runde Tisch (hier am 5. April 1989) führt zu teilweise freien Wahlen. Solidarnosc gewinnt am 4. Juni 1989 alle Sitze, die ihr möglich sind. Die Kommunisten wechseln in die Opposition.

Die Veränderungen in Polen strahlten aus und hatten Außenwirkung. Lech Walesa erinnert sich an den Besuch von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher: "Als Gewerkschaftsmitglied traf ich mich mit dieser Delegation. Ich sprach sie in der Arbeiter-Art an: 'Meine Herrschaften, seid ihr vorbereitet, denn gleich fällt die Berliner Mauer. Seid ihr darauf gefasst, dass gleich die Sowjet-Union zerfällt?' Sie waren bestürzt. Was für eine Idee!“ Kurz darauf kam es genauso. Walesa schmunzelt.

Polens fast vergessener Anteil am Mauerfall

Zu dieser Zeit war Polen auch ein laut zischendes Ventil für den Freiheitswillen von DDR-Bürgern. Tausende flohen über dieses Land in den Westen. Zum Beispiel Cornelia Klammt. "6000 Menschen sind über Warschau in die Freiheit geflüchtet! Wenn man an Botschaftsfluchten denkt, denkt jeder an Prag und Ungarn. Warschau kennt keiner. Polen ist den Weg der Freiheit früher gegangen", betont Klammt. "In Polen habe ich mich sicher gefühlt. Hier war Sympathie gegenüber den Flüchtlingen spürbar. Und die Bevölkerung hat wirklich geholfen."

Cornelia Klammt
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Cornelia Klammt flüchtete damals über Warschau aus der DDR.

Tino Brandt
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Tino Brandt war 18, als er mit seinen Eltern die Flucht antrat.

Vor kurzem trafen sich einige der ehemaligen Flüchtlinge in der Deutschen Botschaft in Warschau. Erinnerung an die Flucht über vor 30 Jahren. Tino Brandt war 18, als er mit seiner Familie die Flucht über Polen antrat. "Wir hatten uns im Vorfeld auch wirklich über die politischen Verhältnisse in Polen informiert", erzählt er. "Dass die Polen auch wirklich sehr, sehr offen gegenüber dem Westen waren. Sie waren zwar immer noch im Warschauer Pakt eingebunden durch die Militärdoktrin, aber eben der Freigeist war schon da gewesen."

Das leichte, schwere Erbe

Heute schaut Polen mit sehr gemischten Gefühlen auf die Zeit des Umbruchs zurück. Praktisch seit der Stunde des Sieges - und dem Zerbrechen - der antikommunistischen Solidarnosc streitet das Land, ob der Weg des friedlichen Ausgleichs nicht in Wahrheit ein Verrat an der Bewegung war. Und der Streit darüber scheint mit zeitlichem Abstand an Schärfe zu gewinnen.

Lech Walesa, weltbekanntes Aushängeschild der Wende-Zeit, ist für seine heimischen Gegner um die Regierungspartei PiS längst zum IM "Bolek" geschrumpft, als der der Ex-Präsident und Friedensnobelpreisträger auch bei internationalen Anlässen beschimpft wird. Das war der Deckname einer Verpflichtungserklärung, die Walesa in den 70-er Jahren unterschrieben hatte.

Ambivalente Gefühle

Als die liberal regierte Stadt Danzig in diesem Juni zum 30. Jahrestag einen symbolischen "Runden Tisch" aufbaute, machte PiS-Premier Mateusz Morawiecki, auf dem Weg zu einer Papst-Gedenkveranstaltung, demonstrativ einen Bogen darum. Das "Europäische Zentrum der Solidarnosc" wiederum, auf dem Werftgelände als Hüter des Erbes wie als Diskussionszentrum konzipiert, ist zwischen die Lager geraten. Der Rechten ist das von der Stadt betriebene Zentrum zu nahe an der liberalen Lesart von 1989. Doch als das Kulturministerium Geld kürzte, kamen in kürzester Zeit mehr Spenden zusammen, als wegfallen sollten.

Staatspräsident Andrzej Duda drückte es noch diplomatisch aus, als er 30 Jahre nach den ersten halbfreien Wahlen von "Freude, aber auch Traurigkeit" sprach. "Man hätte sich nicht mit den postkommunistischen Verwicklungen abfinden und die Fesseln viel schneller abwerfen können", befand er.

Polens Premier Morawiecki spricht in Straßburg | Bildquelle: AP
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Polens Premier Morawiecki trägt die Flüchtlingspolitik der EU nicht mit.

Und auch bei einem anderen Thema reicht die Zeit des Umbruchs bis in die Gegenwart: beim Umgang mit Flüchtlingen. Polen weigert sich, ähnlich wie Ungarn und Tschechien, die in der EU ausgehandelte Quote für die Verteilung von Flüchtlingen zu erfüllen.

"Unser Standpunkt hat sich nicht verändert, wir werden keine Flüchtlinge und Migranten aus dem Mittleren Osten und Afrika aufnehmen", sagte Premierminister Morawiecki vergangenes Jahr. "Das ist unsere souveräne Entscheidung. Denn an der Ostgrenze der EU tragen wir enorm dazu bei, Spannungen abzubauen. Wir haben bereits Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen. Wir helfen vor Ort. Polen ist einer der aktivsten EU-Staaten in Syrien und Nordafrika."

Polen hat inzwischen eigene Sichtweisen - mit Blick auf die Zeit des Wandels vor 30 Jahren und mit Blick auf die Politik der Gegenwart.

Über dieses Thema berichtete das MDR Fernsehen am 27. September 2019 um 17:45 Uhr.

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