Arbeiter in Warschau sprühen Desinfektionsmittel als Vorsichtsmaßnahme gegen die Verbreitung des Coronavirus im polnischen Parlamentsgebäude | Bildquelle: dpa

Polen und Coronavirus Wenige Fälle nur wegen weniger Tests?

Stand: 03.04.2020 09:29 Uhr

Offiziell sind die Corona-Zahlen in Polen niedrig. Doch Mediziner und Aktivisten gehen von deutlich mehr Fällen aus - auch weil wenig getestet wird. Die PiS-Regierung bekommt dennoch gute Noten.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Malgorzata war für eine Unterschrift in einem Warschauer Büro - dort arbeitete jemand, der nachweislich mit dem Coronavirus infiziert war. Entsprechend beunruhigt war sie, als sie Mitte März heftigen Husten entwickelte, dazu Knochen- und Kopfschmerzen, zumal ihre Lungen durch eine Vorerkrankung geschädigt sind. Gegen Corona sprach aber, dass sie kein Fieber hatte.

"Ich habe das versucht allein zu behandeln, aber es ging nicht. Also entschied ich mich, zu einem Arzt zu gehen. Diagnose: Lungenentzündung. Ich bekam ein Antibiotikum und Steroide. Ich fragte direkt, ob ich nicht mal getestet werden sollte, denn ich hatte Angst. Aber der Arzt schaute mich nur seltsam an und sagte, es sei nicht nötig."

Kampf gegen Corona bestimmt den Alltag

Auch in Polen bestimmt der Kampf gegen Corona den Alltag, werden Ausgangsbeschränkungen immer weiter verschärft, haben Geschäfte geschlossen. Nur mit dem Testen tut sich das Land schwer. Engpässe bei den Testkapazitäten gibt es überall, in Polen wird im internationalen Vergleich sehr wenig getestet. Seit Beginn der Krise wurden in dem 38-Millionen-Land gut 50.000 Coronatests durchgeführt, hinzu kommen Tausende Antikörper-Schnelltests, deren Ergebnisse wegen ihrer größeren Unsicherheit nicht veröffentlicht werden.

Reichere Länder wie Deutschland bringen jede Woche mehr Laborproben auf den Weg als Polen insgesamt seit Beginn der Krise. Im Moment beteiligten sich 46 Labors und es gebe etwa 4000 Tests pro Tag. Noch diese Woche wolle man eine Kapazität von 5000 erreichen. "4000 pro Tag, das sind 1200 Tests für eine Million Einwohner, und das ist eine ziemlich hohe Zahl für den Epidemiestand, den wir haben", sagte Gesundheitsminister Lukasz Szumowski Anfang der Woche.

Hohe Dunkelziffer?

Doch ist der Epidemiestand am Ende so auffallend niedrig, weil so wenig getestet wird - und die Dunkelziffer entsprechend riesig? Der regierungskritische Arzt und Blogger Stefan Karczmarewicz spottete dieser Tage über die vermeintliche grüne Insel der Hoffnung, die Polen nur dank Statistiktricks sei. Die Regierung lasse nämlich nur eindeutig laborbestätigte Fälle als Corona-Todesopfer gelten, zugleich aber werde offenkundig unzureichend getestet.

Ergebnis: Wenige Infizierte, wenige Tote - aber nur auf dem Papier.

Sein Fachkollege Maciej Jedrzejko sagte einem Fernsehsender: "Ich und meine Ärztekollegen haben keinen Zweifel, dass wir durch einen Informationsnebel fahren, ohne zu wissen, wie tief das Problem ist und wie viele Infizierte wir wirklich haben." Es werde zu spät und zu wenig getestet. "Wir schätzen, dass die offiziellen Zahlen um ein Vielfaches zu niedrig sind."

Krisenmangement der Regierung kommt gut an

Die rechtskonservative PiS-Regierung aber bekommt für ihr Krisenmanagement gute Noten von den meisten Polen. Früher als anderswo führte sie tiefgreifende Beschränkungen ein - jedenfalls gemessen an den offiziellen Infektionszahlen; als eines der ersten Länder in Europa schloss sie die Grenzen etwa zu Deutschland - bis heute unter Hinweis auf dort höhere Infektionsraten.

Corona zeige einmal mehr die Irrtümer der Linken und Liberalen, nur der Nationalstaat könne seine Bürger wirklich schützen, twitterte eine PiS-Europaabgeordnete.

Die erkrankte Malgorzata aber hustet auch nach Absetzen des Antibiotikums weiter. Sie wandte sich an eine der amtlichen Corona-Hotlines, bekam eine weitere Nummer. "Dort habe ich erfahren, dass man nur diejenigen untersuche, die einen bestätigten Kontakt mit einem Infizierten hatten. Ich sagte, dass ich an mehreren Orten arbeite, und das dort überall Menschen sind, die im Ausland waren. Aber die Koordinatoren dieser Hotlines hören nicht zu. Die Frau am Apparat schien empört, dass ich ihre Zeit verschwende, sagt sie.

Das Geheimnis der niedrigen Infektionszahlen in Polen
Jan Pallokat, ARD Warschau
03.04.2020 08:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. April 2020 um 05:40 Uhr.

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