Jadwiga Emilewicz und Jaroslaw Kaczynski  | Bildquelle: Wojciech Olkusnik/EPA-EFE/Shutte

Polens Weg durch die Krise Wachstumstempo steigern - trotz Corona

Stand: 23.05.2020 13:32 Uhr

Polen steht in der Corona-Krise wirtschaftlich ganz gut da: Der Einbruch könnte kleiner ausfallen als in den anderen EU-Staaten. Dabei rückt die Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung in den Blickpunkt.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Zwei Nachrichten von der Weichsel, die eher untergingen: Der Softwarekonzern Microsoft investiert mitten in der Pandemie eine Milliarde Dollar in Schulungen und ein großes "Cloud"-Datenzentrum. Und "CD Projekt", polnischer Entwickler von Computerspielen, überflügelt mit gut acht Milliarden Euro Börsenwert den bisherigen europäischen Branchen-Primus Ubisoft aus Frankreich.

Das griechische Wort "Krise" stehe nicht nur für "Zusammenbruch", sondern auch für die Wahl, neue Wege zu gehen, erinnert Jadwiga Emilewicz, Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung. "Wenn es Polen gelingt, den Wandel der Wirtschaftsordnung zu nutzen, dann können wir das Wachstumstempo der letzten 30 Jahren noch steigern."

Corona beendete einen Dauerboom

Zwar saß auch in Polen der Corona-Schock tief. Das plötzliche "Einfrieren" von Wirtschaft und Gesellschaft beendete jäh einen nicht enden wollenden Dauerboom, der das Land in Rekordzeit von einem Armenhaus in die europäische Mittelklasse katapultierte. Niemand war auf die Vollbremsung vorbereitet. Und doch wuchs zuletzt schon wieder Optimismus. "Die jüngsten Daten geben dazu vorsichtig Anlass", sagt Emilewicz.

Die Arbeitslosigkeit sei nicht so dramatisch gestiegen wie befürchtet, Produktion und Gewerbe kämen mit den Lockerungen wieder gut in Gang. Kann vielleicht doch wiederholt werden, was Polen bereits im Gefolge der weltweiten Finanz- und Bankenkrise gelang, nämlich ohne größere Blessuren durchzukommen?

Liberales Gesicht der PiS-Regierung

Emilewicz, Jahrgang 1974, rückt derzeit ins Warschauer Rampenlicht, seit die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie-Bekämpfung in den Blick geraten. Sie und ihre Partei "Verständigung", kleinerer Partner der PiS-Partei, gelten als der liberalere Zweig der Regierungsfraktion. Eloquent, gebildet und offen für Interviews auch mit der ARD, unterscheidet sie sich schon rein stilistisch von oft eher bärbeißig auftretenden Ministerkollegen. "Für meine Generation ist Europa natürlicher Bezugspunkt", sagt die Ministerin im Gespräch. Ganz anders klangen Politiker der PiS, die ein "Versagen" Europas in der Corona-Krise geißelten und zu Krisenbeginn behaupteten, "nur der Nationalstaat" könne Bürger in einer solchen Situation schützen.

Emilewicz sieht dagegen in der Krise die Chance, "Wesen und Ziele" der europäischen Gemeinschaft neu zu definieren. Mit der sich anbahnenden "Deglobalisierung" und der Rückkehr zu lokalen Wertschöpfungsketten könne Europa die Sicherheit seiner Bürger auf neue Art gewährleisten. Sicherheit umfasse nicht nur Militär und Ausrüstung, Öl und Gas, sondern etwa auch Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel. "Wir sind einer der größten Agrarproduzenten Europas, und zu Krisenbeginn bekamen wir Anrufe aus Portugal, wo die Lebensmittelversorgung stärker auf Importen basiert, inwieweit wir deren Versorgung sicherstellen können."

Deglobalisierung als Chance für Polen

Mit der Ministerin ist sich beispielsweise auch Sonia Buchholz vom polnischen Arbeitgeberverband "Lewiatan" einig, dass die Corona-Krise längerfristig erhebliche Chancen für Polen birgt. "Wir beobachten deglobalisierende Tendenzen", erklärt auch sie. "Polnische Unternehmen könnten entlang kürzerer Wertschöpfungsketten auf rentablere oder innovativere Ebenen aufsteigen, oder bestimmte Nischen besetzen, wenn Fertigung nach Europa zurückgeholt wird." Emilewicz erinnert an Polens "natürliche Kompetenzen", etwa seine erprobte Rolle als Auftragsfertiger im Bereich Automobil- oder Möbelbau oder an polnische Informatiker, die für die ganze Welt arbeiteten. Polen könne gar zum "digitalen Herz Europas aufsteigen", meinte ein Microsoft-Manager anläßlich der Bekanntgabe der Milliardeninvestition.

Angesichts der engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit sei es allerdings im polnischen Interesse, dass auch Deutschland gut aus der Krise kommt, unterstreicht Ministerin Emilewicz. Und wenn Premierminister Mateusz Morawiecki von "Wirtschaftskolonialismus" spricht und eine ungesunde Dominanz ausländischen Kapitals in Polen geißelt, relativiert sie: Dies sei nur Ausdruck neuer Ambitionen. Jahrzehntelang hätten Investoren den polnischen Markt mit seinen 38 Millionen Einwohnern und billigen Arbeitskräften genutzt. "Wir sind weiter offen, aber wir sagen unseren Partnern auch, dass es künftig partnerschaftlicher zugehen muss." Wer investiert, müsse auch Forschung und Entwicklung mitbringen und Kooperation mit polnischen Hochschulen vorantreiben.

Europa ist mehr als ein Finanzier

Der vor der Krise nicht allzu strapazierte Haushalt, das "Ausatmen" des Arbeitsmarktes, etwa durch die Flucht vieler tausender Ukrainer vor Corona in die Heimat, die gute Infrastruktur, die geringe Abhängigkeit vom Tourismus, ein flexibler Wechselkurs: Verschiedene Ursachen werden genannt, um Polens vergleichsweise günstige Krisen-Prognosen zu erklären - in vielen ist von "nur" drei bis vier Prozent Schrumpfung in diesem Jahr die Rede.

Aber auch Europa müsse jetzt seine Chance nutzen, mahnt Emiliewicz. Die Union habe sich selbst auf die Schilder "finanziert mit EU-Mitteln" reduziert. Die Polen seien felsenfest überzeugt, kulturell, gesellschaftlich und ideell Teil der Gemeinschaft zu sein. "Für Polen ist Europa mehr als das Bruttoinlandsprodukt oder die Europäische Investitionsbank."

Krisenresistent – trotzt Polens Wirtschaft Corona?
Jan Pallokat, ARD Warschau
23.05.2020 13:50 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Mai 2020 um 12:18 Uhr.

Darstellung: