Ein Mann läuft entlang eines vermüllten Strandes in Mumbai. | Bildquelle: REUTERS

Umweltschutz Indien rudert bei Plastikverbot zurück

Stand: 02.10.2019 15:32 Uhr

Eigentlich hatte Indien heute das Tabu für Einweg-Plastik ausrufen wollen, doch dann kam die spontane Kehrtwende. Ein komplettes Verbot könne die Wirtschaft überfordern.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Indiens Premierminister Narandra Modi beschwört Mahatma Gandhi - der Vater der Nation wäre heute 150 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat die indische Regierung weitere Maßnahmen für den Umwelt- und Klimaschutz bekannt gegeben. Modis Programm "Swachh Bharat - Clean India" trägt schon seit Jahren die Brille Gandhis als Erkennungszeichen und Logo.

Bislang werde nicht genug getan, sagte Modi. Nun werde Indien die Kapazität erneuerbarer Energien bis zum Jahr 2022 auf 175 GigaWatt erhöhen und später sogar auf 450 GigaWatt. 150 Millionen Familien seien mit Gas versorgt worden, um umweltfreundlicher kochen zu können, und es gebe viele Projekte zur nachhaltigen Nutzung der Wasserressourcen. 50 Milliarden US-Dollar würden dafür ausgegeben, sagte der Premierminister.

Indische Schüler demonstrieren in Kalkutta bei "Fridays for Future" und rufen zu Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels auf. | Bildquelle: REUTERS
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Indische Schüler demonstrieren in Kalkutta bei "Fridays for Future" und rufen zu Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels auf.

Regierung weicht von Plastikverbot ab

Im Einklang mit Gandhi sollten künftig Plastiktüten, kleine Plastikflaschen, Strohhalme und andere Einweg-Plastikartikel verboten werden. Doch von diesem Schritt nahm die indische Regierung jetzt überraschend Abstand. Ein sofortiges Verbot könnte sich zu stark auf die Wirtschaft und die Arbeitslosenrate im Land auswirken, hieß es. Stattdessen soll vorerst stärker an ein umweltbewusstes Handeln der Bevölkerung appelliert werden.

Die Jugend Indiens hat Modi mit seinem umweltbewussteren Kurs auf seiner Seite. Vor wenigen Wochen demonstrierten Schulklassen im Rahmen der "Fridays for Future"-Bewegung für eine umweltfreundlichere Politik.

"Wenn Kinder so eine Botschaft verbreiten, sich gegen Plastik aussprechen, dann muss das doch einen Effekt haben. Es geht schließlich um ihre Zukunft", sagt Sunite Gupta, eine Lehrerin die sich an der Demo im Namen Gandhis beteiligte. Ihrer Meinung nach, müssen die Erwachsenen darauf hören, was diese Kinder zu sagen haben.

Auf Mahatma Gandhi haben damals auch nicht alle gehört. Mit gewaltfreiem Widerstand führte er die britische Kolonie in die Unabhängigkeit. Doch die Teilung in die zwei Staaten Indien und Pakistan konnte er nicht verhindern. Viele radikale Hindus machen Gandhi und sein Prinzip der Gewaltfreiheit heute dafür verantwortlich, dass es damals zur Spaltung gekommen ist.

Plastik auf der Straße nicht wegzudenken

Für die Durchsetzung eines vollkommenen Verbots von Einweg-Plastik hätte die Regierung auch starken Druck ausüben müssen. Plastiktüten und Verpackungen sind weit verbreitet. Gerade die kleinen Straßenhändler in Delhi und anderen Städten können sich gar nicht vorstellen, wie es ohne gehen soll.

"Die sollten zuerst mal Druck auf die Hersteller ausüben. Solange die Polyethylen-Tüten produziert werden, landen sie auch hier auf dem Markt. Plastiktüten sind einfach billiger als andere Taschen. Die werden wohl erst verschwinden, wenn sie nicht mehr hergestellt werden", sagte Raju, ein Straßenhändler.

Passanten betrachten die Ware eines eines indischen Straßengeschäftes. | Bildquelle: AFP
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Für Straßenhändler sind Plastiktüten nicht wegzudenken. Täglich legen sie ihre verkaufte Waren in die billigen Tüten.

Auch indische Haushalte hatte das mögliche Verbot verunsichert. Wie hätte es weitergehen sollen ohne Plastiktüten? Wie hätte der Müll entsorgt werden sollen? Viele Inder hatten sich bereits auf passiven Widerstand gegen das Verbot eingestellt. Ganz im Geiste von Gandhi.

In einer vorherigen Version des Textes hatte tagesschau.de berichtet, Indien wolle das Plastikverbot durchsetzen. Die indische Regierung gab jedoch im Laufe des Tages bekannt, dass das Verbot zunächst nicht eingeführt werden soll.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 02. Oktober 2019 um 15:41 Uhr.

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