Im philippinischen Urwald illegal geschmiedete Waffen | Bildquelle: Holger Senzel

Philippinen Waffen aus der Urwaldschmiede

Stand: 20.01.2019 13:34 Uhr

Waffen ohne registrierte Nummer - das ist nicht nur für Kriminelle attraktiv. Auf den Philippinen werden sie in kleinen Schmieden im Urwald gefertigt. Ein illegales Geschäft mit hohem Risiko.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Südostasien

Hähne krähen, Schweine grunzen, eine Frau wäscht Kleider in der Blechwanne vor einer Hütte, Kinder füttern Schweine. Aus dem üppig grünen Regenwald vor dem Dorf fernes Hämmern. Ein versteckter Pfad führt durchs Unterholz zur Werkstatt - ein Holztisch unter einem Dach aus Plastikplane, jeder deutsche Heimwerkerkeller ist besser ausgestattet. Männer mit schwieligen Händen hämmern, feilen und sägen an Stahlplatten, biegen Federn, härten Metallteile im Holzkohlefeuer. In fünf Tagen wird das eine Waffe sein, sagt Noel.  

"Das wird eine Colt-Automatic-Pistole im Kaliber 45. Andere Schmiede hier im Dorf bauen andere Waffen, zum Beispiel Sturmgewehre oder Revolver, aber  in der Regel sind sie alle nur auf einen bestimmten Typ spezialisiert. Wie diese Colt-Pistole. Cooles Teil, oder?"

Auf die Bestechlichkeit ist nicht mehr Verlass

Noel ist ein wenig nervös. Am Tag zuvor war die Polizei im Urwald und hat zwei Nachbarschmiede hochgenommen. Noel und Nilo haben ihre kleine Werkstatt noch rechtzeitig versteckt. Früher konnten sie die Polizisten bestechen, aber seit Rodrigo Duterte Präsident ist, geht der Staat härter gegen die illegalen Waffenschmiede vor.

"Meistens erfahren wir vorher von einer Razzia. Von unseren Kontaktleuten in Danao, die sehen, wenn die Polizei ausrückt. Aber manchmal überraschen sie uns auch. Und dann nehmen sie alles mit. Jedes Werkzeug, jedes Stück Stahl, jede Feder, alles. Als Beweis. Und wir gehen in den Knast."

Wellblechhüten im philippinischen Urwald, in denen illegal Waffen geschmiedet werden | Bildquelle: Holger Senzel
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Die Waffenschmieden sind in einfachsten Wellblechhütten untergebracht.

Kunden gibt es genug

Dass die Waffen aus den Urwaldschmieden keine Seriennummern haben, macht sie für Kriminelle außerordentlich attraktiv. Aber auch der ein oder andere Polizist weiß eine unregistrierte Pistole neben seiner offiziellen Dienstwaffe zu schätzen. Und auch Bürger, die sich schützen wollen, aber keinen Waffenschein bekommen: Kunden gibt es genug.

20.000 Peso, rund 350 Euro, kostet eine Pistole bei Noel und Nilo, weniger als die Hälfte des Originals. Und die Qualität? Fast so gut wie die aus der Fabrik, ist Nilo überzeugt.

Eine Art Familientradition

Das Handwerk haben die Schmiede  von ihren Vätern gelernt - philippinische Familientradition seit Generationen. Schon im philippinisch-amerikanischen Krieg gegen die Spanier Ende des 19. Jahrhunderts bauten Noels Vorfahren Waffen für die Untergrundkämpfer.

Sein Großvater lieferte dann im Zweiten Weltkrieg philippinischen Guerillas Waffen für den Kampf gegen die japanischen Besatzer. Und sein Vater reiste für die Yakuza nach Japan, um vor Ort Schießeisen für die Banden zu schmieden. Früher haben sie Revolver gebaut, jetzt Selbstladepistolen - die seien anspruchsvoller in der Herstellung, sagt Nilo.

"Das ist sehr schwer, schauen Sie sich diese ganzen Teile an. Das muss alles passen und ineinandergleiten. Falls das Verhältnis nicht stimmt vom Gewicht der Teile und der Stärke der Federn - dann wird die Pistole später Ladehemmungen haben."

Oder sie fliegt dem Schützen um die Ohren, denn bei der Explosion der Treibladung einer Patrone entstehen gewaltige Kräfte. Noel und Nilo bevorzugen den Stahl versunkener Schiffswracks, der sei besonders zäh.

Philippinische Waffenschmiede mit den von ihnen gefertigten Pistolen | Bildquelle: Holger Senzel
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Die Waffenschmiede verdienen nicht mehr als Fabrikarbeiter - aufhören wollen sie dennoch nicht.

Monatlich fünf Pistolen

Fünf Pistolen fertigen Noel und Nilo im Monat. Der sogenannte Runner - also Läufer - holt die fertigen Waffen ab und übergibt sie an den Broker, der die Endkunden beliefert. Für die Schmiede bleiben zwischen 300 und 500 Euro monatlich.

Als Handwerker in der "Shooters arms factory", einer legalen Waffenfabrik in Danao, würde Noel fast dasselbe verdienen. Ohne Angst vor der Polizei. "Aber dann", sagt er, "müsste ich jeden Morgen zur Schicht fahren. Hier bin ich bei meiner Familie - und bin frei." Und die Familie? "Klar haben unsere Frauen Angst", gesteht Nilo, "aber was wollen sie machen. Wir ernähren die Familie mit diesem Job."

Der Stolz eines Handwerkers

Rahmen, Schlitten, Lauf, Federn, Abzug, winzige Stifte - 46 Teile bei einer Colt Government 1911. Der Schmied nimmt sie nacheinander vom Tisch und setzt sie mit affenartiger Geschwindigkeit zusammen. Lädt durch, horcht auf die Mechanik und lächelt. "So, jetzt ist sie fertig, schau sie dir an. Eine echte Schönheit, oder?"

"Made by Colt LTD, Hartford, USA" steht auf dem mattschwarzen Rahmen der Kopie - Beschriftungen und Firmenlogo bis ins letzte Detail gefälscht. Das  Original der Colt Government 1911 diente der US Army mehr als 70 Jahre, eine Waffe, die für ihre Robustheit und Zuverlässigkeit berühmt ist.

Die Kinder schauen zu

Die Kinder schauen neugierig zu, als Noel einen Testschuss in die sandgefüllte Tonne abfeuert. Waffen, scharfe Munition - und dazwischen dieses Gewusel Dutzender Kinder. "Mein Sohn kann mit acht schon eine Pistole zerlegen und wieder zusammensetzen", sagt der Schmied stolz.

Wird er die Familientradition fortsetzen? "Auf keinen Fall", erklärt Lani bestimmt, "ich mache die Schule zu Ende. Und dann  gehe ich vielleicht zur Marine." Kurze Pause, herausfordernder Blick zum Vater: "Oder ich werde Polizist."

Waffen aus der Urwaldschmiede

20.01.2019 12:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Januar 2019 um 13:39 Uhr.

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