Peter Handke | JULIEN DE ROSA/EPA-EFE/REX

Literaturnobelpreis-Vergabe Die "Mütter von Srebrenica" gegen Handke

Stand: 10.12.2019 11:33 Uhr

Seine pro-serbische Haltung während der Balkankriege macht Peter Handke zu einem umstrittenen Nobelpreisträger. Die "Mütter von Srebrenica" protestieren gegen die heutige Verleihung.

Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Flughafen Sarajevo. Kada Hotic zieht ihren Rollkoffer hinter sich, sie ist auf dem Weg zum Check-in-Schalter. Für sie und andere Frauen der Vereinigung "Mütter von Srebrenica" geht es nach Stockholm, wo Peter Handke den Nobelpreis für Literatur entgegennehmen wird: "Wir wollen Gerechtigkeit. Die Wahrheit ist bekannt. Und sie lässt sich nicht ausradieren. Mir haben sie sowohl den Sohn als auch den Mann als auch meine Brüder und 56 Familienmitglieder ermordet."

Srdjan Govedarica ARD-Studio Wien

"Mütter von Srebrenica" demonstrieren

Hotic und die Mütter von Srebrenica wollen in Stockholm demonstrieren. Sie werfen dem Nobelkomitee vor, mit Handke jemanden auszuzeichnen, der den Völkermord von Srebrenica relativiert und Partei für ultranationalistische Serben ergriffen habe. Und das sowohl in seinen literarischen Werken als auch in Interviews.

Eine Auszeichnung Handkes mit dem höchsten Literaturpreis überhaupt nennt die 74-jährige Hotic die letzte Phase des Völkermords von Srebrenica, bei dem 1995 8000 Bosniaken von serbischen Einheiten ermordet wurden: "Wir wollen Literatur weder abwerten noch beurteilen. Darin sind wir keine Expertinnen. Aber wenn Literatur etwas beinhaltet, das Verbrechen gutheißt, ist das eine Katastrophe. Eine Niederlage für die Zivilisation und etwas, das uns zerstört."

Kada Hotic vor Fotos des Völkermords in Srebrenica | picture-alliance/ dpa

Kada Hotic wirft Peter Handke vor, den Völkermord von Srebrenica relativiert zu haben. Bild: picture-alliance/ dpa

Unterschriften für Handke

Dimitrije Vojnov sieht das anders. Der Drehbuchautor und Filmkritiker aus Belgrad gehört zu den 115 Unterzeichnern eines Unterstützerbriefs an Handke, den serbische Medien Anfang Dezember veröffentlicht haben: "Dieser Unterstützerbrief an Peter Handke, den wir unterschrieben haben, ist notwendig, weil Handke als Nobelpreisträger gerade mit etwas konfrontiert wird, was man dem Charakter nach mit Kriegspropaganda gleichsetzen kann. Das ist alles sehr gefährlich und zeigt, dass dieser Krieg noch nicht vorbei ist, zumindest was die Wortwahl und die Denkweise einiger Menschen betrifft."

Völkermord nicht geleugnet

Den Unterstützerbrief unterzeichneten viele namhafte Wissenschaftler und Kulturschaffende aus Serbien. Sie kommen unter anderem zu dem Schluss, dass Handke gar keinen Völkermord geleugnet haben kann, weil es in den Jugoslawienkriegen gar keinen Völkermord gegeben habe. Sie verteidigen Handke als jemanden, der für seine Positionen kritisiert werde, die einigen regionalen, westlichen und heimischen Medien nicht gefallen.

Vojnov formuliert das so: "Handkes Schuld liegt darin, dass er hergekommen ist, gesehen hat, wie die Dinge stehen und Partei für die Serben ergriffen hat. Er hat zu den Serben gehalten und auf gewisse Weise ist er einer von uns geworden."

 "Parteinahme" und "Geschichtsfälschung"

Vahidin Preljevic, Germanistikprofessor aus Sarajevo will das so nicht stehen lassen. "Handkes Parteinahme war nicht eine Parteinahme für die Serben als Volk, sondern eine Parteinahme für ein bestimmtes Regime - nämlich für das Regime Slobodan Milosevics, das wir ja nicht mit den Serben als solchen identifizieren wollen und auch nicht können."

Preljevic macht darauf aufmerksam, dass Handke auch in seinen Reiseberichten und Essays - also in seinem literarischen Werk - Positionen beziehe, die man als "Geschichtsfälschung" bezeichnen könne. Aus diesem Grund werde Preljevic auch nach Stockholm reisen und an Diskussionsrunden rund um die Nobelpreisverleihung teilnehmen. "Ich finde es wichtig, gerade an diesem Tag vor Ort zu sein, um eben ein Zeichen zu setzen. Dass diese Texte letztlich missbraucht werden zu einer möglichen Umdeutung der Geschichte."

 Nicht schweigend sterben

Zurück am Flughafen in Sarajevo. Kettenraucherin Hotic ist kurz vor dem Abflug noch vor die Tür getreten, um eine Zigarette zu rauchen. Sie erinnert an ein Zitat Handkes aus einem Interview 2011: "Diesen Müttern von Srebrenica, denen glaube ich kein Wort", wird Handke zitiert. "Wäre ich Mutter, ich trauerte allein."  Das sind Sätze, die bei Hotic Trauer und Wut hervorrufen:

"Ich habe einen Sohn geboren, der mein größter Schatz war, meine Schönheit, mein Leben. Auch meinen Mann - der mein Freund, Partner und Lebensgefährte und meine Liebe war - auch ihn haben sie ermordet. Meine Brüder, die mein Stolz waren, sind in den Tod geführt worden. Wenn jemand denkt, dass mir das egal ist, das ist es nicht. Aber wenn jemand denkt, dass ich schweigend sterben soll und irgendwo in einem geschlossenen Raum vor mich hin weinen soll, dann hat er sich getäuscht."

 

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 09. Dezember 2019 um 11.00 Uhr im Kulturressort.