Wanderarbeiter mit Taschen auf dem Rücken in den Straßen von Peking

Reportage über Chinas Wanderarbeiter Zhangs Fünfjahresplan

Stand: 31.12.2014 13:46 Uhr

2014 war für den Wanderarbeiter Zhang ein gutes Jahr - seine Tochter wurde geboren. Doch regelmäßig sehen kann er sie nicht. Wie Millionen Wanderarbeiter musste er sie in seiner Heimatprovinz zurücklassen, um Geld zu verdienen. Unsere Korrespondentin hat Zhang begleitet und berichtet von seinem Kampf um ein besseres Leben.

Von Ruth Kirchner, ARD-Hörfunkstudio Peking

Rund 70 Kilometer südöstlich vom Stadtzentrum Pekings liegt die Ortschaft Xianghe: Breite Straßen, graue Hochhäuser. Alles neu - und doch schon schmuddelig. In der Wohnanlage Lu Di - übersetzt Grünes Land - lebt Zhang Fayong. Er sieht aus wie ein Student, trägt aber mit 24 Jahren bereits schwer an der Last der Verantwortung. 2014 war für ihn ein ganz wichtiges Jahr. Er wurde Vater einer kleinen Tochter.  

"Ich habe im Alter von 22 geheiratet. Bei uns heiratet man früh. Seit sechs Monaten haben wir ein Kind. Ein Mädchen. Sie ist in meinem Heimatort. Meine Eltern kümmern sich um sie. Sie heißt Zhang Panxi", erzählt Zhang. Er vermisst seine Tochter, aber sie nach Peking zu holen, können er und seine Frau sich nicht leisten. Zhang kommt aus der 1000 Kilometer entfernten ostchinesischen Provinz Anhui und hat keinen Pekinger Hukou, also keine dauerhafte Wohnberechtigung für die Hauptstadt. Anspruch auf die gleichen Sozialleistungen wie die Pekinger hat er nicht.

Private Schule für Kinder von Wanderarbeitern in Peking

In Chinas Hauptstadt Peking gibt es private Schulen für Wanderarbeiter. Doch die Schulgebühr können sich nur wenige leisten.

Wie Millionen Wanderarbeiterkinder wächst die kleine Panxi daher bei den Großeltern auf dem Dorf auf. In Anhui bauen sie Reis und Weizen an. Zhang selbst schlägt sich seit fünf Jahren mit Gelegenheitsjobs in Peking durch, arbeitet jetzt als angelernter Fotograf. Der finanzielle Druck ist im abgelaufenen Jahr deutlich gewachsen. "Finanziell ist es sehr schwierig. Ich muss jetzt sparen für mein Kind. Ich verdiene 800 Euro im Monat, meine Frau etwas weniger."

Traum von der eigenen Wohnung

Zhangs Verdienst ist gar nicht mal schlecht, trotzdem reicht das Geld nicht. Denn 2014 wurde Zhang nicht nur Vater, er und seine Frau zogen auch in ihre erste eigene Wohnung. Nicht in Peking selbst, das ist als Wanderarbeiter schwierig, dafür hier draußen in Xianghe, was schon zur Nachbarprovinz gehört. Vierter Stock, zwei Zimmer, 50 Quadratmeter. Die eigenen vier Wände - der Traum aller Chinesen. Aber wirklich glücklich sind die Zhangs nicht.  

"Wir zahlen unseren Kredit ab, monatlich 160 Euro. Ich schicke 130 Euro zu meinen Eltern. Es bleibt wenig übrig. Meine Frau macht sich ständig Sorgen. Denn wenn wir jetzt nichts sparen, können wir später die Ausbildung unserer Tochter nicht zahlen. Das Kind wächst ja so schnell. Es ist sehr schwierig", so Zhang.

Er verlässt morgens um sechs das Haus um sich per Bus auf den langen Weg ins Pekinger Zentrum zu machen. Oft kommt er erst abends spät nach Hause. Große Ansprüche hat er nicht. Das Leben dreht sich um die Arbeit und die Zukunft. 2015? Zhang zuckt ratlos die Schultern: "Was soll sich schon groß ändern? Ich muss mich um mich und meine Familie kümmern. Mein Leben wird so weitergehen. Ich werde in den nächsten ein bis zwei Jahren weiter hart arbeiten. In fünf Jahren wird es uns besser gehen. Dann werden wir ein Auto haben und eine erfolgreiche Karriere."

Die kostbarste Woche des Jahres  

Und trotzdem: Auch auf 2015 freut sich Zhang. Vor allem auf das chinesische Neujahrsfest im Februar. Dann nämlich fahren er und seine Frau nach Anhui zur kleinen Tochter. Fünf Tage als Familie. Die kostbarste Woche des Jahres.

Dieser Beitrag lief am 31. Dezember 2014 um 17:19 Uhr im Deutschlandradio Kultur.