Paschinjan in Eriwan nach seiner Wahl | Bildquelle: AP

Paschinjan in Armenien gewählt Ein Land im Freudentaumel

Stand: 08.05.2018 17:52 Uhr

Er ist das Gesicht des Protests in Armenien und seit heute neuer Ministerpräsident: Nikol Paschinjan. Tausende Menschen jubelten ihm zu. Beim Neuanfang setzt er auch auf die Exil-Armenier.

Von Sabine Stöhr, ARD-Studio Moskau, zzt. Eriwan

Der Platz der Republik in Eriwan bebt. Viele Menschen, laute Musik, Redner, bunte Fahnen und Luftballons in den armenischen Farben. Für die vor allem jungen Menschen in der Hauptstadt beginnt heute ein neues Leben, sagt Anna, 38 Jahre alt: "Wir hatten eine strenge Diktatur - ohne Freiheit. Wir hatten nicht das Gefühl, dass das unser Armenien ist. Die Macht haben wir verachtet", berichtet die Frau aus Gumri, die eigens für den heutigen Tag in die Hauptstadt gereist ist. "Das Volk wollte das nicht mehr und hat eine Wende erreicht. Deswegen freuen wir uns sehr, sehr, sehr", jubelt sie.

Der Grund für den Jubel: Nikol Paschinjan ist zum neuen armenischen Ministerpräsidenten gewählt worden. Der 20-jährige Student Nadek sagt voller Hoffnung: "Er ist der Kandidat des Volkes. Wir erwarten jetzt ein Land ohne Korruption, ein gerechtes Land mit Bürgerrechten, auf die sich jeder verlassen kann."

Auch Republikaner unterstützen Paschinjan

Paschinjans Wahl wurde möglich, weil unter den 59 von 105 Stimmen auch welche der Republikaner, der Regierungspartei, waren. Der neue Regierungschef will nun sobald wie möglich Neuwahlen organisieren. Um den Willen des Volkes abzubilden, sagt er.

Vor seiner Wahl im Parlament hielt er eine flammende Rede auf die Zukunft Armeniens. Und legte dar, was jetzt angepackt werden muss. Von der Wirtschaft über die Bildung bis zu höheren Gehältern und Renten. Danach stand er sofort wieder auf der Bühne auf dem Platz der Republik in Eriwan.

Er werde alles dafür tun, sagte Paschinjan, dass es dem Volk wieder besser geht. Der neue Ministerpräsident betont dabei, dass es friedlich bleiben solle, dass Hass - gegen die politische Elite, gegen Oligarchen - in Armenien nichts zu suchen habe.

"Wir brauchen eine wirtschaftliche Amnestie"

Die Menschen wissen, dass sie Veränderungen nicht von heute auf morgen erwarten können. Ob die neue armenische Führung sich durchsetzen kann, wird vor allem davon abhängen, wie sich Paschinjan gegen die bestehende institutionelle Ordnung durchsetzt und Reformen angeht.

Auf dem Platz der Republik steht in Hemdsärmeln auch der politische Berater Paschinjans, Manwel Sargsjan. Es sei klar, dass das oligarchische System abgeschafft werden müsse, sagt er.

"Aber deswegen brauchen die, die widerrechtlich ans große Geld gekommen sind, nichts zu fürchten. Man sollte eine wirtschaftliche Amnestie erklären. Das ist sehr wichtig", sagt Sargsjan. Dies dürfe jedoch nur unter der Bedingung geschehen, dass die Oligarchen in einer bestimmten Zeit eine Kompensationssteuer an das Volk zahlen. "Um sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren", formuliert es Sargsjan.

Jubel in Eriwan nach der Wahl | Bildquelle: AP
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Tausende Armeniern auf dem Platz der Republik in Eriwan.

Paschinjan setzt auf die Exil-Armenier

Der Politikberater des neuen Ministerpräsidenten hält es für wesentlich, dafür zu sorgen, dass die Politik nicht mehr vom Geld diktiert wird. Das Volk habe dabei eine wichtige Rolle, indem es die Oligarchen zwinge, sich anders zu verhalten.

Paschinjan appelliert dabei auch an die Diaspora. Etwa acht Millionen Armenier leben im Ausland. Sie möchte er zurück in die Heimat locken. Mit ihrer Ausbildung und ihrem Kapital. Und er setzt auf Investitionen in die heimische Wirtschaft. Der charismatische und beharrliche Politiker hat also einiges vor. Daran denken die Armenier in Eriwan im Moment aber nicht. Sie freuen sich unbändig auf ihr neues Leben und feiern auch im abendlichen Regen weiter.

Armenien im Freudentaumel
Sabine Stöhr, ARD Moskau
08.05.2018 17:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. Mai 2018 um 18:00 Uhr.

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