Eine verschleierte Frau im Irak wählt | dpa

Parlamentswahl im Irak Die meisten gehen nicht hin

Stand: 11.10.2021 09:55 Uhr

Im Irak ist ein neues Parlament gewählt worden. Doch viele Menschen sahen keinen Sinn darin, zur Wahl zu gehen. Sie sehen ein Land, das in Korruption und Gewalt versinkt.

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Istanbul, zzt. Bagdad
Thomas Bormann ARD-Studio Istanbul

Die Frau im traditionellen, schwarzen Tschador kommt aus der Wahlkabine und sagt: "So Gott es will, werden wir jetzt Gerechtigkeit bekommen. Ein neuer Anfang für den Irak. Alles wird besser werden, so Gott will."

Ein älterer Mann hofft ebenso, dass diese Wahl Grundstein für einen neuen Irak wird: "Wir wollen unser Land zum besseren verändern, es wieder aufbauen. Wir brauchen Arbeitsplätze. Wir müssen die Korruption bekämpfen. Wir wollen ein sicheres Land, ein stabiles Land." Sagt er, und schiebt seinen Stimmzettel in die elektronische Zähl-Maschine.

Furcht vor noch mehr Korruption und bewaffneten Banden

Besonders viel gab es heute nicht zu zählen. Die meisten Irakerinnen und Iraker sind nicht zur Wahl gegangen. Sie fürchten, auch nach dieser Wahl wird der Irak in Korruption versinken, werden bewaffnete Milizen um Einfluss kämpfen und den Alltag unsicher machen. Die Wahlbeteiligung fiel auf 41 Prozent - ein Rekordtief.

Die Anführer der Volksgruppen werden die Macht unter sich aufteilen und sich gleichzeitig gegenseitig argwöhnisch beobachten. Den größten Erfolg dürften wieder schiitische Parteien einfahren, da die Schiiten die Mehrheit im Irak stellen.

Unabhängige Kandidaten wollen ins Parlament

Ali Hassan Abd-Radhi aus der südirakischen Stadt Nasariya sagt, im Irak seien Ministerien so organisiert wie die Mafia. Die Mächtigen bereichern sich, für das Volk bleibe nichts übrig. Ali Hassan will das ändern. Er stand als unabhängiger Kandidat zur Wahl:

Wenn ich ins Parlament gewählt werde, dann kann ich als einzelner Unabhängiger nicht viel ausrichten. Aber ich hoffe, es werden aus allen Teilen des Landes Unabhängige gewählt, in Basra, in Bagdad, in Kurdistan. Wenn wir so 20, 30 Unabhängige sind, werden wir etwas ändern können.

Ali Hassan sieht sich als Teil der jungen Protestbewegung, die vor zwei Jahren gegen Korruption und gegen den Einfluss bewaffneter Milizen auf die Straße gegangen war. Die Proteste waren damals blutig niedergeschlagen worden. Es gab mehrere hundert Tote.

Morddrohungen gegen die Familie

Die meisten Aktiven der Protestbewegung hatten deshalb zum Boykott der Wahl aufgerufen. Andere aber wollen den Protest als Abgeordnete ins Parlament bringen, wie Ali Hassan, der wegen all der Morddrohungen im Wahlkampf seine Familie an einen sicheren Ort gebracht hatte.

Drei oder vier Mal seien Unbekannte mit einem Motorrad an seinem Haus entlanggefahren und hätten es gefilmt. "Ich hab‘ Drohungen per Facebook bekommen. Die haben mir ein Foto meiner elfjährigen Tochter geschickt zusammen mit dem Foto einer Pistolenkugel, alles anonym natürlich."

250.000 Sicherheitskräfte schützen die Wahl

Die Wahl verlief ohne größere Zwischenfälle. Dafür sorgten 250.000 Polizisten und Soldaten. Aus Angst vor Anschlägen waren viele Straßen mit Beton-Barrikaden versperrt. Wer wählen wollte, musste etliche Sperren passieren und sich abtasten lassen.

Tahsin al-Khafiji vom Verteidigungsministerium erklärt: "Flugzeuge der Luftwaffe werden die Wahl-Urnen zu den abgesicherten Zähl-Zentren fliegen. Die Wahlen werden bis zur Auszählung ohne Zwischenfälle verlaufen. Wir schreiten sofort ein, wenn sich ein Zwischenfall ereignet. Wir werden solche Zwischenfälle nicht erlauben, damit kein Druck auf die Wahllokale oder auf die Wähler entsteht."

Jetzt also werden die Stimmen ausgezählt - Ergebnisse soll es im Laufe des Tages geben.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 10. Oktober 2021 um 21:35 Uhr.