Domdekan Patrick Chauvet geht in Schutzkleidung durch die Kathedrale von Notre-Dame, wie sie auch das Ensemble bei seinem Auftritt tragen muss (Bild vom 24.11.2020). | AFP

Notre-Dame Konzert mit Bauhelmen und Schutzanzügen

Stand: 24.12.2020 06:55 Uhr

Erstmals seit dem verheerenden Brand soll an Heiligabend ein Konzert in der Kathedrale Notre-Dame stattfinden. Die Musiker fiebern einer Aufführung unter besonderen Umständen entgegen.

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

Am Boulevard Saint Germain 39 in Paris, wenige Minuten Fußweg von der Kathedrale Notre-Dame, herrscht entspannte Proben-Atmosphäre. Unter dem Fachwerkdach probt die Maîtrise de Notre Dame - oder besser: ein Bruchteil davon, nur zwei von jeder Stimmgruppe.

Stefanie Markert ARD-Studio Paris

Denn eigentlich gehören 150 Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu dem Gesangsensemble, das seit dem 12. Jahrhundert besteht - wie die Kathedrale. Für das erste Konzert nach der Brandkatastrophe hat Henri Chalet, der schlanke Dirigent in weißem Hemd und Anzug, musikalisch nichts dem Zufall überlassen.

"Wir haben ein festliches Weihnachtsprogramm ausgewählt, das allen gut tun soll. Denn alle haben es gerade schwer. Deshalb schlagen wir optimistische Töne an", verspricht er. "Wir werden bekannte Lieder singen wie 'Jingle Bells', aber natürlich mit dem Anspruch eines exzellenten A-Cappella-Chores. Wir gehen musikalisch durch die Jahrhunderte - vom Barock bis ins 21. Jahrhundert. Alle sollen sich in positiver Weihnachtsstimmung wiederfinden."

Notenblatt Jingle Bells | picture alliance / Bildagentur-o

Beim Konzert dürfen beliebte Weihnachtslieder wie "Jingle Bells" nicht fehlen - ebenso kommen Stücke aus dem 16. Jahrhundert zur Aufführung. Bild: picture alliance / Bildagentur-o

Auftritt in Bauhelmen und Schutzanzügen

Der Chor wird ein Werk des spanischen Komponisten Tomas Luis de Victoria aus dem 16. Jahrhundert singen, er probt Mozarts Klassiker Laudate Dominum, Schuberts romantisches Ave Maria und auch ein Spiritual. Die Sänger ermuntern sich mit Beifall, lachen und sind doch konzentriert. Die Runde ist überschaubar.   

"Der Platz in der Kathedrale, an dem keine Gerüste stehen, ist sehr begrenzt. Deshalb ist die Zahl der Sänger auch eingeschränkt und Publikum kann nicht kommen", erklärt Chalet. "Wir singen zu Weihnachten sonst mit rund 90 Sängern, jetzt sind wir acht. Wir werden auch Bauarbeiterhelme tragen und blaue Schutzanzüge. Wegen des Bleis sind wir nicht beunruhigt. Wir sind nur den einen Tag in der Kathedrale, alles ist genehmigt worden. Halten sich die Sänger an die Regeln, besteht kein Risiko."

Wegen giftigen Bleistaubs arbeiten die Restaurateure in der Kathedrale in Anzügen, die denen von Kosmonauten im Außenbordeinsatz gleichen. Deshalb darf der Chor beispielsweise keinen Schmuck tragen - denn alles, was nicht unter dem Schutzanzug verschwindet, darf die Kathedrale nicht mehr verlassen. Doch Angst hat niemand: Es herrscht Vorfreude.

Das Chorgestühl von Notre-Dame ist vollständig eingerüstet (Bild vom 24. November 2020). | AFP

Das Chorgestühl von Notre-Dame ist vollständig eingerüstet (Bild vom 24. November 2020). Bild: AFP

"Ein Privileg, dorthin zurückzukehren"

Nicolas Hézelot ist mit 21 Jahren der jüngste der Auserwählten. "Ich bin glücklich", sagt er. "Ich denke aber auch an alle, mit denen ich sonst unvergessliche Konzerte und Messen in diesem schönen Bauwerk gesungen habe. Es sind Erinnerungen, die mein Leben geprägt haben."

"Es wird ein sehr starker, emotionaler Moment werden. Umso mehr, da ich das letzte Mal am Vorabend des Brandes dort gesungen habe", fügt Clémence Vidal hinzu. Es ist eine Ehre, ein Privileg, dorthin zurückzukehren - und das in diesem historischen Moment, wo die Kathedrale wieder aufgebaut wird."

Einige Meter weiter sitzt an einem schwarzlackierten Flügel, Yves Castagnet, der Organist des Chores. Er wird Heiligabend an einer kleinen Truhenorgel spielen. Castagnet erinnert sich an den Brand im April 2019: "Das war eine schreckliche Tragödie. Ein Trauma. Wir müssen noch lange Jahre warten, bis wir diesen für uns teuren Ort wieder in voller Schönheit sehen können." In diesem Jahr kann er nicht an der kleineren Chororgel spielen, die durch das Löschwasser schwer beschädigt wurde. Aber er ist zuversichtlich: "Wir werden die Kirche diesmal sehr speziell erleben und es wird bewegend sein."

"Wir werden es genießen, gemeinsam zu singen", sagt der Dirigent Chalet, der schon bei der Probe überwältigt ist. Er mahnt den Chor zum Abschied, zu keiner Party mehr zu gehen, damit sich nur niemand vor dem Konzert mit dem Coronavirus ansteckt.

"Die Umstände sind außergewöhnlich: Notre-Dame ist eine Baustelle", sagt die Solistin Julie Fuchs, die bei dem Konzert ihr Debüt in der Kathedrale und der Maîtrise gibt - und spricht allen aus der Seele: "Ich hoffe, unsere Musik wird für alle, die sie hören, das schönste Weihnachtsgeschenk werden."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Dezember 2020 um 13:26 Uhr.