Räumung des Flüchtlingcamps im Pariser Vorort Aubervilliers | Bildquelle: AFP

Flüchtlinge in Paris Wildes Camp geräumt - Hoffnung auf Asyl

Stand: 29.07.2020 16:13 Uhr

Die Polizei hat bei Paris erneut ein Zeltcamp von Migranten geräumt. Turnhalle statt Zelt heißt es nun für sie. Kritiker bemängeln den erniedrigenden Umgang mit Asylsuchenden.

Von Caroline Hoffmann, zzt. ARD-Studio Paris

Am Anfang stehen sie sich einfach nur gegenüber. Auf der Brücke: Die jungen Männer in T-Shirts, einige haben Rucksäcke oder Tüten in der Hand, davor die Polizei mit stichfesten Platten auf den Anzügen, die Schutzschilder noch am Boden. Dann beginnt um kurz nach sechs Uhr die Räumung des Zeltcamps am Canal de Saint-Denis im Pariser Vorort Aubervilliers. Vor allem junge Männer aus Afghanistan oder dem Horn von Afrika hatten nach dem Ende der Ausgangssperre begonnen, hier am Wasser zu leben. Das Camp wuchs immer weiter: Zuletzt waren es rund 1500 Menschen.

Räumung des Flüchtlingscamps in Aubervilliers/Paris | Bildquelle: C.Hoffmann/WDR
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Am Anfang stehen sich Polizei und die Menschenmenge nur gegenüber.

"Lauft, lauft, lauft", schreien die Polizisten immer wieder in die Menschenmenge. Dann senken sie ihre Schilder und drücken die Männer weg. Wütende Schreie sind zu hören. Die Männer sollen eine Straße entlang geleitet werden, um danach in bereitstehende Reisebusse zu steigen. Doch die meisten sprechen kaum Französisch, verstehen nicht, was die Polizei von ihnen will. Unnötig ruppig schiebt diese die Menschen weiter vorwärts. "Was soll das denn?", ruft jemand aus der Menge. "Wir sind doch keine Tiere."

Räumung des Flüchtlingcamps im Pariser Vorort Aubervilliers | Bildquelle: AFP
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Menschenunwürdig und erniedrigend, so bezeichnet der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Situation in den sich immer wieder bildenden Camps in Paris und anderen großen Städten.

Keine Duschen, keine Toiletten

Auch Nemattullah Bahar soll heute in einen der Busse einsteigen. Seit elf Monaten ist der Afghane in Frankreich, zwei davon hat er im Camp verbracht, davor bei einem Freund gewohnt. "Ich habe nicht gedacht, dass die Menschen so leben hier", sagt der 19-Jährige.

"Im Camp ist es sehr schwierig. Manchmal kommt hier Essen, manchmal nicht. Wenn es regnet, wird alles ganz nass."

Die Zelte stellen Hilfsorganisationen, sie reichen nicht für alle. Viele bauen sich ihre Unterkunft aus ein paar alten Pappkartons. Duschen gibt es nicht, auch keine Toiletten. Nur an ein paar Stellen gibt es fließendes Wasser. Menschenunwürdig und erniedrigend, so bezeichnet der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Situation in den sich immer wieder bildenden Camps in Paris und anderen großen Städten. Erst Anfang Juni hatte das Gericht Frankreich für seinen Umgang mit Migranten verurteilt. 2013 hatten drei Männer Klage eingereicht, da sie monatelang auf der Straße leben mussten.

Unterbringung in Notunterkunft

Nemattullah Bahar ist froh, das Camp hinter sich zu lassen. Er wird den Bus nehmen, wie viele andere hier. Denn wer einsteigt, bekommt leichteren Zugang zum Asylverfahren, hat eine klare Anlaufstelle, wo er den Antrag einreichen kann - und ein Bett, erstmal in einer provisorischen Notunterkunft.

Frankreich garantiert den Menschen vor Antragstellung keine Unterbringung. Und auch danach können nicht alle versorgt werden. "Das Konzept der Erstaufnahme läuft völlig falsch. Es gibt zu wenige Plätze, sie werden schlecht aufgeteilt und das Verfahren dauert viel zu lang", sagt Pierre Henry, Leiter der Hilfsorganisation France - Terre d’Asile. Und weiter:

"Wenn sie 140.000 Asylanträge haben, aber nur 85.000 Unterkunftsplätze, dann haben sie grundsätzlich ein Problem. Tatsächlich müsste man eine Regelung haben, die eine bedingungslose Unterbringung ermöglicht. Das würde den Leuten auch ihre Würde garantieren."

Räumung des Flüchtlingcamps im Pariser Vorort Aubervilliers | Bildquelle: AFP
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Frauen aus dem geräumten wilden Camp warten darauf, weggebracht zu werden.

Politik will keine Camps mehr

Keine Camps mehr - so will es eigentlich die französische Politik. Der Pariser Polizei-Präfekt Didier Lallement betont: "Diese Operation ist die logische Folge aller bereits in den vergangenen Monaten durchgeführten Räumungen. Ich wollte alle großen Lager in und am Rande von Paris auflösen." Doch es werde sich nichts ändern, sagt Henry, da könne der Staat auch noch so viele Camps auflösen - sie bildeten sich doch neu:

"Es wird geräumt und dann geht es wieder von vorne los. Dann gibt es Ankündigungen der Politik, dass es nicht mehr so werden wird, wie vor der Räumung. Das machen wir jetzt fünf Jahre mit. In einem Monat wird die Situation wieder dramatisch sein."

Räumung eines wilden Camps in Paris | Bildquelle: C. Hoffmann/WDR
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In kleinen Gruppen werden die Wartenden zu den Bussen gebracht. Wer einsteigt, bekommt eine Maske - wegen der Corona-Pandemie.

Kleinere Auseinandersetzungen mit der Polizei

Im Pariser Vorort Aubervilliers aber sollen die Menschen erst einmal weggebracht werden und die Zelte verschwinden. In kleinen Gruppen werden die Wartenden zu den Bussen gebracht. Wer einsteigt, bekommt erst einmal eine Maske, wegen der Corona-Pandemie. In der Notunterkunft - sehr wahrscheinlich einer Turnhalle - sollen dann Corona-Tests durchgeführt werden. Immer wieder kommt es zu kleinen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Doch haben Bahar und die anderen überhaupt eine Chance auf Asyl? Für den 19-Jährigen ist das nicht sicher. Er kommt aus Afghanistan, hat zuvor aber schon in Deutschland gelebt. Mit 14 Jahren ist er eingereist. Dort ist er registriert und kann deshalb in Frankreich erst einmal keinen Asylantrag stellen. Viele hier waren vorher schon einige Zeit in Deutschland, in Italien oder der Schweiz. Der junge Mann will es trotzdem versuchen. "Ich möchte leben", sagt er. "Zur Schule gehen. Einfach leben."

"Immer das gleiche Spiel" - Polizei räumt großes Camp für Migranten in Paris
Sabine Wachs, ARD Paris
29.07.2020 14:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Juli 2020 um 12:40 Uhr.

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