Menschen stehen Schlange vor einem Stoffladen im Pariser Stadtteil Goutte d'Or | Bildquelle: CHRISTOPHE PETIT TESSON/EPA-EFE/

Corona-Krise und Rassismus Multikulturelles Viertel im Stresstest

Stand: 13.06.2020 03:38 Uhr

Goutte d'Or gilt als das afrikanische Viertel von Paris. Das lebendige Quartier ist im Aufbruch. Doch die Corona-Beschränkungen haben viele noch ärmer gemacht. Und auch die Polizei macht den Bewohnern Sorgen.

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

Goutte d'Or gilt als das afrikanische Viertel von Paris. Ein Stückchen Afrika mitten in Paris - so empfindet es Mams Yaffa. Seine Eltern kamen aus Mali hierher, er ist im Quartier geboren. Der Mittvierziger fühlt sich voll und ganz als Franzose und genießt zugleich, dass er in den paar Straßenzügen um die Rue de la Goutte d'Or alles findet, was Afrika ausmacht: "All die Lebensmittel, die man braucht, um ein Essen wie in Afrika zuzubereiten. Und hier gibt es all die Stoffe, aus denen wir unsere afrikanischen Kleider machen können."

Kosmopolitisches Zusammenleben

Genau das sei die Stärke dieses Viertels, sagt er. "Wenn ich Lust auf senegalesisches Essen habe oder auf marokkanisches, tunesisches, dann kann ich das bekommen." Zum Beispiel bei Farida: "Wenn Du eine Paella, eine Tagine oder Pastilla essen willst, dann geht das hier", erklärt Yaffa. "Das ist eine richtige Familie hier", sagt Farida zum Abschied.

Es sind nicht die meist grauen Häuserfassaden, die einen hier an ferne Welten denken lassen. Es ist das hektische Treiben der Menschen, etliche von ihnen im Kaftan oder in batikbedruckten bunten Baumwollkleidern. Es sind die unzähligen kleinen Geschäfte, Halal-Metzgereien, Fischhändler, Stoffläden, Cafés, Teesalons, Bars oder islamische Büchereien. "Eine Weinhandlung, nicht weit von der Moschee, das ist das Kosmopolitische", sagt Yaffa.

"Die verruchteste Straße von ganz Paris"

Die Rue Myrha führt geradewegs zum Montmartre, die weiße Basilika Sacré-Coeur erscheint von hier zum Greifen nah. Aber selbst in Vor-Corona-Zeiten verirrte sich kaum mal ein Tourist von dort oben nach hier unten. Und es ist noch gar nicht so lange her, da trauten sich nicht mal Pariser aus anderen Vierteln hierher.

"Das war die verruchteste Straße von ganz Paris. Die Straße des Crack", erinnert sich Yaffa. "Heute kann man sich das nicht mehr vorstellen." Vieles sei renoviert worden, immer mehr Boutiquen entstünden - zum Beispiel der Modeladen von "Peulh Vagabond". "Den hat ein Mädchen aus dem Viertel aufgemacht", sagt Yaffa.

Djena Diao hat Erfolg mit ihrem afrikanischen Modelabel. Längst verkauft sie ihre Kleider über das Internet in alle Welt. "Peulh - das weist auf meine Herkunft hin, ein Nomadenvolk im subsaharischen Afrika. Daher auch Vagabund", erklärt Diao. Mit ihren Kreationen wolle sie die afrikanische Kultur bekannt machen.

Ein Mann geht im Pariser Stadtteil Goutte d'Or an einer Gruppe Polizisten vorbei. | Bildquelle: CHRISTOPHE PETIT TESSON/EPA-EFE/
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Während des Ausnahmezustands war die Polizei in Goutte d'Or sehr präsent. Für heute sind in Frankreich wieder zahlreiche Demonstrationen gegen Rassismus angekündigt.

Gentrifizierung bedroht die Alteingesessenen

Yaffa freut sich über den Geist des Aufbruchs in seinem Viertel: "Das ist ganz, ganz wichtig, das ist die Entwicklung." Eine Entwicklung, die nicht ohne Gefahren ist. In der Rue Myrha stehen schon einige schicke Neubauten, das lebendige Flair zieht allmählich die hippen Schichten an, die Gentrifizierung erreicht nun auch Goutte d'Or.

"Die Mieten steigen und viele Alteingesessene können es sich schon nicht mehr leisten, hier im Viertel zu leben", sagt Yaffa. Die Corona-Krise dürfte nun die Probleme in dem traditionellen Einwanderer- und Arbeiterviertel weiter verschärfen. Viele der rund 30.000 Menschen dort halten sich durch Gelegenheitsjobs über Wasser. Und die gibt es jetzt oft nicht mehr.

Zu fünft auf zehn Quadratmetern

Auch die wochenlangen strengen Ausgangsbeschränkungen seien für die Menschen im Viertel besonders schwer zu ertragen, sagt Yaffa. Die Wohnungen seien meist sehr klein, "da leben die Eltern schon mal mit zwei, drei Kindern auf zehn Quadratmetern. Wir leben daher viel draußen, auf der Straße und jetzt durften wir die Wohnung nicht verlassen. Es ist etwas anderes, wenn man eine große Wohnung mit Garten oder einen Landsitz hat".

Yaffa hat viele solche schwierigen Wohnverhältnisse gesehen. Er hat den Verein "Esprit d'Ébène" gegründet und strebt für die Grünen bei den bevorstehenden Kommunalwahlen den Posten des stellvertretenden Stadtbezirk-Bürgermeisters an.

Mit dem Verein war er während des Ausnahmezustands viel unterwegs, hat Geld gesammelt, die Lebensmittel dann an Bedürftige verteilt und Computer an die Kinder, damit sie am Fernunterricht teilnehmen können. "In so einem Viertel können viele Leute ganz schnell ganz tief sinken, wenn es keine gegenseitige Hilfe gibt. Das war immer ein solidarisches Viertel. Wenn man einen Armen sieht, dann gibt man was."

Polizeikontrollen - "eindeutig nach Hautfarbe"

Während des Ausnahmezustands hat ihn geärgert, dass die Polizei in Goutte d'Or viel präsenter war und aggressiver auftrat als in anderen Teilen von Paris. Es sei eindeutig nach Hautfarbe kontrolliert worden - für Yaffa ein weiterer Beweis für den alltäglichen Rassismus, den es in Frankreich immer noch gebe, und eben auch unter den Polizisten.

Deswegen begrüßt Yaffa, dass sich nun auch in Frankreich eine breite Protestbewegung gegen Rassismus und Polizeigewalt formiert.

La Goutte d'Or - multikulturesses Viertes im Stresstest
Martin Bohne, ARD Paris
13.06.2020 10:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 13. Juni 2020 um 13:22 Uhr.

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