Eine Frau mit Gesichtsmaske geht in Paris an einem Restaurant vorbei. | Bildquelle: REUTERS

Corona-Fälle in Paris Frankreich greift durch - und verwirrt

Stand: 05.10.2020 14:36 Uhr

Mit 270 Infektionen pro 100.000 Einwohnern hat sich Paris zum Corona-Hotspot in Frankreich entwickelt. Die Regierung reagierte: Bars müssen mindestens zwei Wochen schließen, Restaurants nicht. Das leuchtet nicht jedem ein.

Von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Alain Fontaine ist ein Stein vom Herzen gefallen: "Für den Moment sind wir dem Schlimmsten entkommen. Als Unternehmenschefs, die wir Gastronomen ja auch sind, sind wir erleichtert, ganz einfach, weil wir arbeiten können! Und so viel ist immerhin sicher", freute sich der Präsident des Pariser Küchenchef-Verbandes im Fernsehsender BFM.

Seit Tagen hatten die Gastronomen von Paris gezittert. Dass die Regierung angesichts der immer weiter steigenden Corona-Zahlen in der Hauptstadt würde handeln müssen, schien sicher. Doch wie genau, das war die Frage.

Beantwortet wurde sie schließlich am späten Sonntagabend, fast schon in der Nacht, mit einer kargen Mitteilung aus dem Amt des Premierministers: Die Bars müssen schließen, die Restaurants aber dürfen öffnen, mit mindestens 1,50 Meter Abstand zwischen den Tischen.

Geringe Einschränkungen, große Verwirrung

Des einen Freud, des anderen Leid: "Das ist völlig unverständlich. Wir können doch schließlich die Regeln der Restaurants auch in Bars anwenden, wo man einfach ein Gläschen trinkt," schimpfte Stéphane Manigold, Chef von vier Pariser Gastrobetrieben.

Ohnehin herrschte in der Branche am Morgen durchaus Verwirrung. Was ist etwa mit den Brasserien, die morgens als Cafés dienen, mittags als Restaurants, zwischendrin zum Trinken genutzt werden und oft auch noch Lottoscheine annehmen?

Etwas Licht ins Dunkel versuchte am Mittag schließlich Didier Lallement, der Präfekt von Paris, zu bringen: "Als Restaurants definieren wir Etablissements, deren Haupttätigkeit der Verkauf von Gerichten ist", erklärte der Polizeichef. Die Diskussionen dürfte das kaum beenden.

"Das Leben kann weitergehen"

Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, zeigte sich trotzdem sehr zufrieden: "Das Leben kann weitergehen", lobte die Bürgermeisterin und gelobte Wachsamkeit von Seiten der Stadt in Sachen Corona.

Hidalgo zeigte sich sichtlich erleichtert. Schließlich hatte die Regierung noch vor einer Woche in Marseille, der zweitgrößten Stadt des Landes, bei ähnlichen Corona-Zahlen deutlich härter reagiert. Dort hatten auch die Restaurants schließen müssen - unter massivem Protest der Gastronomen, der dortigen Bürgermeisterin und vieler Politiker vor Ort.

Kopfschütteln bei Medizinern

Diesen Ärger wollte sich Premierminister Jean Castex diesmal offenbar sparen. Was die Gastronomen freut, löste bei vielen Medizinern auch Kopfschütteln aus: "Ich bin 100 Prozent dafür, die Pandemie ohne zu großen wirtschaftlichen Schaden anzugehen. Aber wenn dabei nicht langsam etwas Logik herrscht, retten wir die Gastronomen bestimmt nicht", klagte Hélène Rossinot, Spezialistin für öffentliche Gesundheit.

Die Ärztin kann nicht nachvollziehen, warum die Regierung seit Wochen in der Gastronomie, aber auch in den Unis und Schulen den Betrieb quasi ohne Beschränkungen laufen lässt, obwohl gerade in Unis und Schulen immer größere Corona-Cluster entstanden seien. Jetzt soll immerhin in Hörsälen nur jeder zweite Stuhl besetzt werden dürfen.

Gilles Pialoux, Chefinfektiologe am Pariser Krankenhaus Tenon, hält das für sinnvoll, aber für zu spät: "Wir sind in der gleichen Situation wie während der ersten Corona-Welle: Wir laufen mit den Entscheidungen hinterher, anstatt vorneweg zu gehen."

Tatsächlich wirkt die Strategie der französischen Regierung offenbar auch auf viele Bürger eher kopflos. Laut einer aktuellen Umfrage bereiten die immer neuen Corona-Höchststände gut drei Vierteln der Bevölkerung Sorgen. Aber nur ein Drittel der Menschen vertraut Präsident Emmanuel Macron und der Regierung beim Kampf gegen die Pandemie.

Corona-Rekord: Frankreich greift durch. Ein Bisschen.
Marcel Wagner, ARD Paris
05.10.2020 13:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 05. Oktober 2020 um 13:29 Uhr.

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