Gerichtszeichung des Prozesses in Paris | AFP

Prozess um Pariser Anschläge 2015 Lebenslang für Hauptangeklagten

Stand: 29.06.2022 21:51 Uhr

Im Prozess um die islamistischen Anschläge in Paris im Jahr 2015 hat das Gericht sein Urteil gefällt. Für den Hauptangeklagten verhängte es die Höchststrafe: lebenslange Haft. Insgesamt waren 20 Männer angeklagt.

Mehr als sechseinhalb Jahre nach den Anschlägen in Paris sind in dem Prozess um die Attentate die Urteile gegen die 20 Angeklagten gefallen. 19 von ihnen wurden in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Der Hauptangeklagte Salah Abbdeslam wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und erhielt damit die Höchststrafe.

Der heute 32 Jahre alte Abdeslam gilt als der einzige Überlebende des Terror-Netzwerks, das für die damaligen Anschläge mutmaßlich verantwortlich war. Er wurde wegen Mordes und versuchten Mordes schuldig gesprochen.

Abdeslam selbst hatte sich zu Beginn des Prozesses selbst als Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" bezeichnet, die sich zu den Attentaten bekannt hatte. Seinen eigenen Sprengstoffgütel habe er "aus Menschlichkeit" nicht gezündet. Im späteren Verlauf der Verhandlungen entschuldigte er sich bei den Überlebenden der Attentate, ebenso wie einige der weiteren Angeklagten. Noch am Montag hatte Abdeslam vor Gericht bekräftigt, dass seine Reue und sein Kummer aufrichtig seien. "Ich habe Fehler gemacht, das ist wahr. Aber ich bin kein Mörder, ich bin kein Killer", sagte er.

Richter folgen Forderung der Staatsanwaltschaft

Mit seinem Urteil folgte das Gericht der Forderung der Staatsanwaltschaft. Sie hatte als Strafmaß für Abdeslam lebenslange Haft angesetzt, ohne Option auf vorzeitige Entlassung vor Ablauf des Strafmaßes von 30 Jahren. Die Richter hatten Abdeslams Einlassung in Zweifel gezogen und infrage gestellt, ob sein Sprengstoffgürtel nicht funktionsfähig war und deshalb nicht gezündet werden konnte. Auch Mohammed Abrini wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zu lebenslanger Haft verurteilt. Er soll unter anderem Abdeslam nach den Attentaten zur Flucht verholfen und ihn mit dem Auto aus Paris abgeholt haben.

Insgesamt hatte die Anklage für die 20 Beschuldigten Haftstrafen zwischen fünf Jahren bis hin zur lebenslangen Gefängnisstrafe gefordert. Die Richter urteilten letztlich auf Strafen von zwei Jahren Haft bis hin zu der lebenslänglichen Gefängnisstrafe für Abdeslam. Den meisten der Beschuldigten wurde Beihilfe vorgeworfen: Sie sollen Ausweispapiere gefälscht, Komplizen aus Syrien nach Europa gebracht oder sie mit Geld, Telefonen, Sprengstoff oder Waffen versorgt haben.

Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete, wurden 18 der Männer wegen Taten im Zusammenhang mit Terrorismus schuldig gesprochen, ein weiterer wegen eines Betrugsdelikts. Sechs der Angeklagten wurde der Prozess in Abwesenheit gemacht. Fünf dieser Beschuldigten sollen in Syrien oder im Irak gestorben sein, einer sitzt in der Türkei in Haft.

130 Menschen starben bei Attentaten

Am 13. November 2015 wurden bei den Anschlägen 130 Menschen getötet. 350 Menschen wurden verletzt. Die meisten der Opfer wurden in dem Konzertsaal Bataclan getötet - 90 Menschen starben dort. Im Osten der französischen Hauptstadt eröffneten die Attentäter das Feuer auf die Gäste und Mitarbeitenden von Cafés und Restaurants sowie auf Passanten. Zuvor hatten sich während des Länderspiels zwischen Frankreich und Deutschland am Stade de France drei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt.

Im vergangenen September wurde der Prozess um die Anschläge eröffnet. Dafür war eigens ein spezielles Schwurgericht zusammengestellt worden. Nach Angaben des Vorsitzenden Richters Jean-Louis Périès dauerte der Prozess insgesamt 148 Verhandlungstage - er erstreckte sich über fast zehn Monate. An der Verhandlung waren mehr als 2000 Kläger beteiligt, ebenso wie 300 Anwälte.

Meistgesuchter Terrorist Europas

Abdeslam soll nach den Anschlägen nach Belgien geflüchtet in untergetaucht sein. Über Monate wurde per Fahndung nach ihm gesucht - er galt als der meistgesuchte Terrorist in Europa. Mitte März 2016 wurde Abdeslam schließlich im Brüsseler Viertel Molenbeek festgenommen.

Etwas mehr als zwei Jahre später wurde Abdeslam schon in Belgien zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt. Allerdings nicht in Zusammenhang mit den Pariser Anschlägen, sondern mit einer Schießerei bei einer Razzia in Brüssel, bei dem ein Polizist getötet wurde. Das belgische Gericht befand Abdeslam des versuchten terroristischen Mordes für schuldig.