Papst Franziskus nimmt an der Fackelprozession auf der Via Crucis (Kreuzweg) am Karfreitag vor dem Kolosseum teil. | EPA
Reportage

Kreuzweg am Kolosseum Papst feiert mit umstrittener Geste

Stand: 16.04.2022 02:23 Uhr

Trotz Kritik aus der Ukraine haben bei der Kreuzwegandacht in Rom eine Ukrainerin und eine Russin gemeinsam für ein Stück das Kreuz getragen. Kurzfristig änderte der Vatikan noch den dazu vorgelesenen Text.

Von Lisa Weiß, ARD-Studio Rom

Es ist regelrecht ein Lichtermeer an diesem Abend am Kolosseum in Rom: Rund 10.000 Gläubige sind zur traditionellen Karfreitagsprozession gekommen, fast alle tragen Kerzen in der Hand. Die Szenerie ist stimmungsvoll. Papst Franziskus ist auf einem Sessel im Gebet versunken, während die Stationen des Leidenswegs symbolisch mit dem Kreuz abgegangen werden. Kurze Texte, sogenannte Meditationen, werden vorgetragen. Doch dann kommt die 13. Station, die der Kreuzigung Jesu.

Lisa Weiß

Zwei blonde Frauen, zwei Freundinnen, die in der Krankenpflege arbeiten, tragen gemeinsam das schlichte Kreuz ein Stück - Irina und Albina. Irina ist Ukrainerin, Albina Russin. Ein Sprecher beginnt, die zur Station gehörige Meditation vorzulesen:

Im Angesicht des Todes sagt Stille mehr als Worte. Halten wir also in betender Stille inne und beten wir alle in unserem Herzen für den Frieden in der Welt.

Doch das ist nicht der Text, den der Vatikan im Vorfeld veröffentlicht hatte. Dort hatte es unter anderem geheißen: "Welche Fehler haben wir begangen? Warum hast du unsere Völker im Stich gelassen?" Und: "Lehre uns Frieden zu schließen, Brüder und Schwestern zu sein, wiederaufzubauen, was die Bomben zerstören wollten."

Vor allem in der Ukraine hielt man diesen Text, die ganze Versöhnungsgeste, für höchst unpassend und zu früh - angesichts des russischen Angriffskrieges, angesichts der schrecklichen Bilder aus Butscha und anderen ukrainischen Städten.

Doch Papst Franziskus hielt an seinem Vorhaben fest, der Text wurde aber im letzten Moment doch noch geändert. Während des stillen Gebets verdeckt Papst Franziskus sein Gesicht mit der Hand - es ist ein eindrucksvoller Moment.

Blick auf das Kolosseum, wo Papst Franziskus die Via Crucis Fackelprozession leiten wird.  | dpa

Rund 10.000 Gläubige sind zur traditionellen Karfreitagsprozession gekommen. Bild: dpa

Der Situation von Familien gewidmet

Dann geht es weiter zur 14. und letzten Station, eine Migrantenfamilie übernimmt das Kreuz. Denn der Kreuzweg ist in diesem Jahr vor allem der Situation von Familien gewidmet. In den Meditationen zu den einzelnen Stationen berichten ganz unterschiedliche Familien von ihrer Situation, von ihren Herausforderungen: beispielsweise ein Ehepaar, das kinderlos geblieben ist, eine Familie mit einem behinderten Kind, eine Witwe mit zwei Kindern oder ein junges Ehepaar.

Eine Familie dran musste wegen eines Krieges aus ihrer Heimat flüchten. Ihr Text wird vorgetragen:

Wir, die wir zu Hause wichtig waren, sind hier Zahlen, Kategorien, Vereinfachungen. Doch wir sind viel mehr als nur Einwanderer. Wir sind Menschen. Wir sind wegen unserer Kinder hier. Wir sterben jeden Tag für sie, damit sie hier versuchen können, ein normales Leben zu führen, ohne Bomben, ohne Blut, ohne Verfolgung. Wir sind Katholiken, aber selbst das scheint manchmal der Tatsache, dass wir Migranten sind, untergeordnet zu sein.

Papst ruft zum Frieden auf

Zum Abschluss spricht der Papst ein Gebet, er bezieht sich darin auf die Familien. Jedes Haus, dessen oberstes Gesetz die Liebe ist, spiegele das Gesicht der Kirche wieder, sagt Franziskus. Und ruft dann, ohne Russland oder die Ukraine zu nennen, zum Frieden auf:

Nimm uns an der Hand, wie ein Vater, damit wir uns nicht von Dir abwenden; bekehre unser rebellisches Herz zu deinem Herzen, damit wir lernen, Pläne des Friedens zu verfolgen, Gegner dazu bringen, sich die Hände zu reichen und die gegenseitige Vergebung auszukosten.

Über dieses Thema berichtete am 16. April 2022 die tagesschau um 09:55 Uhr und MDR Aktuell um 10:08 Uhr.