Papst Franziskus mit Flüchtlingen in Nikosia | AP

Papst zu Umgang mit Flüchtlingen Wenn "Gleichgültigkeit" zur "Krankheit" wird

Stand: 03.12.2021 19:04 Uhr

Seit Langem setzt sich Papst Franziskus für den Schutz von Migranten und Flüchtlingen ein. Auf seiner Zypernreise hat er einige getroffen - und mit harschen Worten den Umgang mit ihnen kritisiert.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Es war ein typischer Franziskus-Moment. Eigentlich war schon alles gesagt. Der Papst hatte vor mehreren Hundert Migrantinnen und Migranten in einer Kirche in Nikosia seine Ansprache vorgetragen, weitgehend vom vorbereiteten Manuskript abgelesen.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Dann schaute Franziskus auf, hielt die zusammengelegten Blätter vor sich - und rechnete in freier Rede und ungewöhnlicher Schärfe damit ab, wie wohlhabende Länder mit dem Leiden und Sterben von Flüchtlingen umgehen:

Wir gucken uns an, was passiert. Und das Schlimmste ist, dass wir uns daran gewöhnen. 'Ah', wird gesagt, 'heute ist ein Boot gesunken, viele Vermisste.' Dieses Sich-daran-Gewöhnen ist eine schlimme Krankheit! Es ist eine sehr schlimme Krankheit!

Das Mittelmeer ein "großer Friedhof"

Die Migranten klatschten Beifall zu Franziskus' spontaner Anklage. Der wiederum bat für seinen Gefühlausbruch um Nachsicht. "Entschuldigt mich, aber ich möchte das sagen, was mir auf dem Herzen liegt", so der Pontifex.

Das Mittelmeer bezeichnete Franziskus mit Blick auf die dort ums Leben gekommenen Flüchtlinge als "großen Friedhof". Und er prangerte an, dass Boote mit Migranten auf dem Mittelmeer in die Länder zurückgebracht würden, aus denen sie abgefahren sind. Dort, sagte Franziskus, würden die Flüchtenden häufig unmenschlich behandelt und in "Lager" gebracht:

Wirkliche Lager. Wo die Frauen verkauft werden. Die Männer werden gefoltert und versklavt. Wir beschweren uns, wenn wir die Geschichten der Lager des vergangenen Jahrhunderts lesen, die der Nazis und die von Stalin. Und wir beklagen, wie das passieren konnte. Brüder und Schwestern, das passiert heute an den nahegelegenen Küsten.
Papst Franziskus trifft Flüchtlinge in Nikosia | REUTERS

Franziskus ganz gelöst: Der Papst beim Treffen mit Flüchtlinge in Nikosia Bild: REUTERS

Indirekte Kritik an Polen

Zuvor hatte Franziskus im vorbereiteten Teil seiner Ansprache unter anderem dafür geworben, dass "die Menschheit ohne trennende Wände" lebt. In seiner spontanen freien Rede attackierte der Papst - ohne Polen beim Namen zu nennen - Länder, die an der Grenze Stacheldraht ausrollten, um Flüchtlinge abzuwehren:

Denjenigen, der kommt, der um Freiheit bittet, um Brot, Hilfe, Brüderlichkeit, Freude. Der vor dem Hass flüchtet. Und der sich wiederfindet vor Hass, der Stacheldraht heißt.

Mit der Regierung in Nikosia hat der Vatikan am Rande des Papst-Besuches vereinbart, dass 50 Geflüchtete von Zypern nach Rom gebracht werden. Die ersten zwölf Menschen bis Weihnachten, die übrigen im Januar und Februar. Zypern ist das Land in der Europäischen Union mit der derzeit höchsten Zahl an Flüchtlingen - gemessen an der Einwohnerzahl.

Migration auch morgen Thema in Griechenland

Benediktinermönch Nikodemus Schnabel, als Patriarchalvikar in Jerusalem auch für die Migranten auf Zypern zuständig, wehrt sich gegen Stimmen, die Franziskus vorhalten, die Aktion, Flüchtlinge nach Rom zu bringen, sei nur Symbolik. Schnabel erinnert daran, dass Franziskus bereits 2016 Flüchtlinge aus Lesbos nach Italien gebracht hat, die er vor seiner jetzigen Reise noch einmal getroffen hat:

Das zeigt schon, es geht ihm hier nicht um eine Effekthascherei, im Sinne von: Ja, das macht jetzt mal eine Bella Figura. Sondern es ist ihm ein ganz tiefes Herzensanliegen.

Das Thema Migration wird auch im zweiten Teil seiner Reise im Mittelpunkt stehen. Franziskus fliegt morgen von Zypern nach Griechenland und wird dort erneut nach Lesbos reisen. Um im Aufnahmelager in Mytilene erneut zu versuchen, aufzurütteln und auf das Schicksal von Geflüchteten hinzuweisen - mit und möglicherweise auch wieder ohne Manuskript.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Dezember 2021 um 16:00 Uhr.