Papst Franziskus vor der Basilika of Santa Maria di Collemaggio | EPA

Papst Franziskus in L'Aquila Demut an einem symbolträchtigen Ort

Stand: 28.08.2022 17:48 Uhr

Der Papst hat die Abruzzenstadt L'Aquila besucht. Eigentlich sollte es vor allem um die Opfer des Erdbebens von 2009 gehen - doch Beobachter suchen vor allem nach Hinweisen auf einen Rückzug.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Studio Rom

Der Gottesdienst wurde vor der prächtigen Fassade der Basilika Santa Maria di Collemaggio zelebriert. In dieser Kirche liegt Papst Coelestin V. begraben. Das ist der Grund, warum diese Reise des Papstes in die Abruzzenstadt L'Aquila so viel Aufmerksamkeit erfährt. Denn Coelestin hat vor mehr als 700 Jahren auf sein Amt verzichtet. Als letzter Papst vor Benedikt XVI.

Tilmann Kleinjung

Seitdem wird er in der katholischen Kirche als Heiliger verehrt. "Coelestin V. war ein mutiger Zeuge des Evangeliums", sagte Papst Franziskus. "Von der Logik der Macht ließe er sich nicht gefangen nehmen und beherrschen. Wir bewundern in ihm eine Kirche, die frei ist von weltlicher Logik und die bereit ist, die Barmherzigkeit Gottes voll zu bezeugen."

Raum für Spekulationen

Franziskus wird immer wieder gefragt, ob auch er sich vorstellen könne, zurückzutreten. Der Rücktritt eines Papstes sei keine "Katastrophe", antwortete er zuletzt. Solche Antworten befeuern Spekulationen. Auch bei seinem Besuch in L'Aquila war Franziskus auf einen Rollstuhl angewiesen, das Gehen fällt ihm wegen starker Knieschmerzen schwer.

In seiner Predigt würdigte der Papst die Bescheidenheit, die Demut seines Vorgängers: "Wir erinnern uns fälschlicherweise an Coelestin als die Figur, die die 'große Ablehnung' begangen hat, wie es Dante in seiner Göttlichen Komödie ausgedrückte. Aber Coelestin V. war kein Mann des Nein, sondern ein Mann des Ja."

Die Spekulationen über einen möglichen Rücktritt hält der langjährige Vatikankorrespondent der Nachrichtenagentur Reuters Philip Pullella für überzogen: "Er hat heute nicht seinen Rücktritt erklärt, damit hat auch niemand gerechnet. Aber er hat in gewisser Weise wiederholt, dass er in ferner Zukunft, wenn er aufgrund seines Gesundheitszustandes nicht mehr in der Lage sein sollte, die Kirche zu leiten, nicht zögern wird, zurückzutreten."

Wunden des Erdbebens immer noch da

2009 hatte Papst Benedikt XVI. L'Aquila besucht. Auch dieser Besuch am Grab Coelestins galt als symbolträchtig mit Blick auf den späteren Rücktritt des Papstes aus Deutschland. Doch der entscheidende Grund der Visite war damals wie heute ein anderer. L'Aquila ist schwer gezeichnet vom Erdbeben, das die Stadt mitten in der Nacht vom 5. auf  6. April 2009 getroffen hatte. Manche Gebäude sind restauriert. Aber die Wunden sind immer noch da. Nicht nur im Stadtbild. 309 Menschen starben in jener Nacht.

Das Leid der Angehörigen

Giustino Parisse aus L'Aquila verlor seine beiden Kinder. "Was mir die Kraft gibt, weiterzumachen, sind paradoxerweise meine Kinder", sagt er. "Das Bewusstsein, dass sie nur in unserer Erinnerung weiterleben. Und dann natürlich der Glaube, vor allem meine Frau ist sehr gläubig."

Vor dem Gottesdienst traf sich Papst Franziskus mit Angehörigen der Opfer dieses verheerenden Erdbebens, versicherte ihnen seine Nähe und seinen Respekt für ihr Durchhaltevermögen. "Ihr Menschen von L'Aquila habt Widerstandskraft bewiesen, diese hat es ermöglicht, den Schock des Erdbebens zu überstehen und sofort mit der mutigen und geduldigen Arbeit des Wiederaufbaus zu beginnen."

Für Papst Franziskus sind es ungewöhnlich betriebsame Tage im späten August. Nach der Ernennung neuer Kardinäle gestern, dem Besuch in L'Aquila heute, hat der Papst für morgen und übermorgen alle Kardinäle der Weltkirche zu Beratungen in den Vatikan bestellt.

Dieser Beitrag lief am 28. August 2022 um 12:04 Uhr auf BR24.