Ein Windstoß fährt während eines Gebets durch den Umhang von Papst Franziskus. | Bildquelle: dpa

Kirche und Missbrauch Der Papst wird das Thema nicht los

Stand: 24.08.2018 14:58 Uhr

Bei seinem Besuch in Irland will Papst Franziskus am Wochenende auch Missbrauchsopfer treffen. Die Betroffenen sind empört über den Umgang der katholischen Kirche mit den Verbrechen.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Auch bei seiner Reise nach Irland wird den Papst ein Thema begleiten, das die katholische Kirche nicht los wird. Dabei hat Irland seinen Missbrauchsskandal schon durchgemacht. Schon vor neun Jahren listete der sogenannte Murphy-Bericht einer staatlichen Untersuchungskommission zahlreiche Fälle auf. Priester und Ordensschwestern werden darin als Täter genannt. Detailliert wird darin beschrieben, wie die Kirchenleitung sie gedeckt hat.

Die Wunde ist immer noch tief, viele in Irland haben sich von der Kirche abgewandt. Auch in Dublin wird es Proteste von Opfern und Überlebenden geben und von Menschen, die empört sind, wie die katholische Kirche jahrelang mit den Verbrechen umgegangen ist.

Ein globales Problem

Auch Marie Collins wird dabei sein. Die Irin wurde als Kind im Erzbistum Dublin sexuell missbraucht. Sie will, dass das Problem nicht nur als irisches, sondern als globales Problem verstanden wird: "Es gibt genügend Untersuchungsberichte aus der ganzen Welt. Immer wieder das Gleiche: Kirchenobere haben Missbrauchstäter gedeckt. Die Kirchenoberen haben den Schutz ihres Rufs, den Schutz der Kirche über den Schutz von Kindern gestellt. Das ist ein systematisches Problem, kein Einzelfall. Das ist in vielen Ländern passiert."

Collins ist ein prominenter Fall. Sie ist an die Öffentlichkeit gegangen, und sie war drei Jahre lang Mitglied der vom Papst eingesetzten Missbrauchskommission in Rom. Im März 2017 aber hat sie das Gremium im Frust verlassen. Man habe konkrete Vorschläge erarbeitet, wie sich künftige Fälle besser verhindern lassen. Der Papst habe diese auch angenommen. Doch dann hätte die Vatikan-Verwaltung blockiert.

Marie Collins | Bildquelle: AFP
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Marie Collins wurde als Kind im Erzbistum Dublin missbraucht und engagiert sich heute für die Opfer.

Kritik an Äußerungen des Papstes

Tatsächlich gibt und gab es deutliche Worte von Papst Franziskus. Zum Thema Missbrauch sagte er schon vor Jahren:

"Ein Priester, der das macht, verrät den Leib des Herrn. Denn er muss diesen Jungen, dieses Mädchen zur Heiligkeit führen, und die Jungen und Mädchen haben Vertrauen. Und er missbraucht sie. Das ist sehr schlimm."

Doch nicht immer ist Papst Franziskus mit den Fällen angemessen umgegangen. Zum Beispiel in Chile: Opfer beschuldigen dort Bischof Juan Barros Madrid, er habe einen Priester gedeckt, der inzwischen wegen seiner Taten verurteilt wurde. Doch was sagte der Papst in diesem Januar?

"Ich werde etwas dazu sagen, wenn es Beweise gibt. Es gibt keinen einzigen Beweis, das ist alles Verleumdung. Ist das klar?"

Erst nach der Chile-Reise Anfang des Jahres kam der Sinneswandel. Franziskus hat sich seitdem mit Missbrauchsopfern von dort getroffen und einen Untersuchungsbericht erstellen lassen. Bischof Barros hat seinen Rücktritt angeboten, der Papst hat ihn angenommen.

Doch Marie Collins kritisiert dieses Vorgehen: Bischöfe, die sich schuldig gemacht haben, dürften nicht einfach zurücktreten, sie müssten auch vor einem kirchlichen Gericht zur Rechenschaft gezogen werden, ihr Amt und ihren Titel verlieren. Bischof Barros ist immer noch emeritierter Bischof.

Opfer fordern Taten

Trotzdem sieht Collins, dass Papst Franziskus zumindest das richtige will. Aber: "Er hat das Richtige gesagt. Er scheint Missbrauch und das, was er den Opfern antut, besser zu verstehen. Er hat sich hart zu den Tätern geäußert und sich entschuldigt. Aber das sind nur Worte, wir brauchen Taten." Jetzt müsse etwas passieren.

Der Papst müsse Mechanismen einsetzen, die die Kirchenoberen davon abhielten, diese Männer zu schützen. "Es gibt da etwas in der Kultur der Kirche, in ihrer Struktur, das dazu führt, dass der eigene Klerikalismus geschützt wird. Kleriker werden über die Sicherheit von Kindern gestellt. Und das muss aufhören. Er muss dieses Thema härter angehen."

Franziskus hat immerhin vor seiner Reise nach Irland versucht, in einem Brief an "das Volk Gottes" noch einmal klare Worte zu finden. Darin bezeichnete er die Taten als "Verbrechen", sagte, in der Kirche müsse eine "Null-Toleranz-Haltung" verbreitet werden.

Weitere Fälle befürchtet

Doch weitere Fälle würden hochkommen, in weiteren Ländern werde es Skandale geben, sagt Collins. In Australien steht gerade Kardinal George Pell vor Gericht. Im Vatikan war er bis vor kurzem eine Art Superminister für Wirtschaft und Finanzen. Im US-Bundesstaat Pennsylvania hat in der vorletzten Woche ein Untersuchungsbericht rund 1.000 Fälle dokumentiert, in denen katholische Geistliche Minderjährige missbraucht haben.

Der Vatikan entschuldigte sich und sagte, dass es in letzter Zeit nur wenige Fälle gab, weil die katholische Kirche etwas verändert habe. Das mag in den USA stimmen. Auch in Irland gab es nach dem Murphy-Bericht Konsequenzen. Und doch bleibt weltweit noch viel zu tun, sagen Opfer und Überlebende.

Papst Franziskus wird das Thema nicht los.

Papst Franziskus reist nach Irland
Jan-Christoph Kitzler, ARD Rom
24.08.2018 14:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. August 2018 um 13:18 Uhr.

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