Schuhe an einer Gedenkstelle in Ottawa für verstorbene indigene Kinder. | AP

Missbrauch in Internaten Papst plant Reise zu Indigenen in Kanada

Stand: 27.10.2021 18:34 Uhr

Hunderte Gräber indigener Kinder wurden seit Mai auf Grundstücken früherer kirchlicher Internate in Kanada entdeckt. Papst Franziskus hat nun angekündigt, in das Land zu reisen. Das könnte Gelegenheit für eine päpstliche Entschuldigung sein.

Vor dem Hintergrund von Enthüllungen über Missbrauch und Tod Tausender indigener Kinder in früheren Internaten in Kanada hat sich Papst Franziskus zu einer Reise in das Land bereit erklärt. Die katholische Bischofskonferenz in Kanada habe ihn dazu eingeladen - "auch im Kontext des langjährigen pastoralen Prozesses der Versöhnung mit den indigenen Völkern", wie der Vatikan mitteilte. Franziskus wolle die laufenden Bemühungen unterstützen.

Der Zeitpunkt der Reise ist noch offen. Es hieß lediglich: "Franziskus hat seine Bereitschaft signalisiert, das Land zu einem zu gegebener Zeit festzulegenden Termin zu besuchen". Die Pilgerreise könnte die Gelegenheit für eine päpstliche Entschuldigung sein.

Mehr als 1000 Gräber entdeckt

Seit Ende Mai wurden in Kanada auf ehemaligen Internatsgrundstücken durch Bodenradar mehr als 1000 Gräber mit den sterblichen Überresten von Kindern entdeckt. Im 19. und 20. Jahrhundert waren Schätzungen zufolge mehr als 100.000 Kinder indigener Mütter - oft zwangsweise - in kanadischen Heimen untergebracht. Viele der landesweit mehr als 130 Einrichtungen wurden von katholischen Ordensgemeinschaften betrieben. Sie sollten die Kinder im Auftrag des Staates an die "christliche Zivilisation" heranführen.

Oft durften die Kinder ihre Muttersprache nicht sprechen. Eine unbekannte Zahl von Kindern und Jugendlichen wurde körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht; viele starben an Infektionskrankheiten.

Forderungen nach Entschuldigung der Kirche

Indigene Stammesführer hatten Franziskus zuletzt aufgefordert, sich im Namen der katholischen Kirche auf kanadischem Boden zu entschuldigen. Ähnliche Forderungen kamen auch von der kanadischen Regierung. Der kanadische Minister für Indigene Beziehungen, Mark Miller, sagte, er erwarte vom Papst "die volle Anerkennung des Schadens", der den indigenen Völkern zugefügt worden sei. "Im großen Rahmen dessen, was wir als Versöhnung für die indigenen Völker bezeichnen, ist diese volle Anerkennung etwas, auf das der Heilige Vater selbst lange gewartet hat", so Miller.

Treffen mit Überlebenden im Vatikan

Der Papst hatte sich bereits zu einem Treffen mit indigenen Überlebenden der berüchtigten kanadischen Internatsschulen im Dezember bereit erklärt. Dazu teilte die Bischofskonferenz mit, Franziskus habe Delegationen der Überlebenden in den Vatikan eingeladen und werde sie in drei Gruppen getrennt - First Nations, Metis und Inuit - vom 17. bis 20. Dezember treffen. Abschließend werde er eine Audienz mit allen drei Gruppen leiten.

Der Erzbischof von Toronto, Thomas Collins, sagte, die Begegnungen im Dezember würden dazu beitragen, die Grundlagen für die Kanada-Reise des Papstes zu schaffen. "Im Laufe mehrerer Tage wird Papst Franziskus durch authentisches Zuhören und Dialog direkt von denen hören, die gelitten haben."

Die katholischen Bischöfe Kanadas hatten sich vor einigen Wochen für das Leid entschuldigt, das durch die Beteiligung der Kirche am früheren Internatssystem für indigene Kinder verursacht wurde. "Wir erkennen den schweren Missbrauch an, der von einigen Mitgliedern unserer katholischen Gemeinschaft begangen wurde: physisch, psychologisch, emotional, spirituell, kulturell und sexuell", hieß es in der Erklärung der Bischöfe zu dem seit Monaten schwelenden Thema. Sie betonten, dass viele katholische Religionsgemeinschaften und Diözesen an dem Internatssystem beteiligt gewesen seien, durch das es zur Unterdrückung von Sprache, Kultur und Spiritualität der Indigenen gekommen sei.