Papst Franziskus beim Karfreitagsgottesdienst im Vatikan. | dpa

Neue Sozial-Enzyklika Papst fordert Politik zu Solidarität auf

Stand: 04.10.2020 14:44 Uhr

In einer neuen Enzyklika zeichnet Papst Franziskus seine Vision von einer besseren Politik und mehr Solidarität. Er kritisiert das Wirtschaftssystem und sagt, dass der Markt die wahren Probleme der Welt nicht lösen könne.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Studio Rom

Papst Franziskus macht sich um diese Welt ernsthaft Sorgen. Für ihn ist die Corona-Pandemie so etwas wie die letzte Warnung. Der "harte und unerwartete Schlag dieser außer Kontrolle geratenen Pandemie" habe uns dazu gezwungen, wieder an "alle zu denken anstatt an den Nutzen einiger", schreibt der Papst in seiner dritten Enzyklika.

Tilmann Kleinjung

Es habe wieder das Bewusstsein gegeben für "eine weltweite Gemeinschaft in einem Boot". Doch das Virus hat auch schonungslos die wunden Punkte offengelegt. Papst Franziskus nennt die Unfähigkeit, gemeinsam zu handeln.

Er schreibt: "Wir haben gesehen, was mit den älteren Menschen an einigen Orten der Welt aufgrund des Coronavirus geschehen ist. Sie sollten nicht auf diese Weise sterben." Für den Papst ist die Pandemie ein Weckruf, "unsere Lebensstile, unsere Beziehungen, die Organisation unserer Gesellschaft und vor allem den Sinn unserer Existenz zu überdenken".

Papst kritisiert populistische Politik

Der Titel dieser Enzyklika ist umstritten: Mit "Fratelli tutti" zitiert Franziskus seinen Namenspatron, den Heiligen Franz von Assisi, der "alle Brüder" ansprach. Der Text schließt dann die Schwestern mit ein. Es ist vor allem von "Geschwisterlichkeit" die Rede - als Gegenentwurf zu einer Welt, in der der Papst "verbohrte, übertriebene, wütende und aggressive Nationalismen wieder aufleben" sieht und neue Formen des Egoismus.

Ohne Politiker wie Trump oder Autokraten wie Putin oder Erdogan beim Namen zu nennen, kritisiert der Papst klar und deutlich populistische Tendenzen. An einer Stelle scheint der Pontifex unmittelbar in den amerikanischen Wahlkampf hineinzusprechen: "Was bis vor wenigen Jahren von niemandem gesagt werden konnte, ohne den Respekt der gesamten Welt ihm gegenüber aufs Spiel zu setzen, das kann heute in aller Grobheit auch von Politikern geäußert werden, ohne dafür belangt zu werden." Die Kirche müsse sich immer ein "kritisches Gespür" gegenüber "engstirnigen und gewalttätigen Nationalismen" bewahren.

"Humanitäre Korridore" für Flüchtlinge

Franziskus propagiert in "Fratelli tutti" eine "offene Welt". Unterschiede in Hautfarbe oder Religion dürften nicht für die "Privilegien einiger zum Nachteil der Rechte aller" missbraucht werden. Er appelliert an die "Solidarität", so dass jeder sich für die Schwäche anderer verantwortlich fühlt. So wie im biblischen Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, das Franziskus ins Zentrum seiner Enzyklika stellt.

Ganz konkret wird der Text dort, wo es um die Aufnahme und den Schutz von Migranten geht. Ausdrücklich nennt Franziskus nicht nur die Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Naturkatastrophen fliehen. Auch andere seien "mit vollem Recht auf der Suche nach Chancen für sich und ihre Familien". In schweren humanitären Krisen müsste eine größere Zahl von Visa ausgestellt werden. Und die Verfahren für Asylanträge sollten vereinfacht werden. Franziskus fordert "humanitäre Korridore" für die am stärksten gefährdeten Flüchtlinge.

Aufruf zum interreligiösen Dialog

Immer wieder zitiert Franziskus aus der Erklärung von Abu Dhabi, die er im Februar 2019 gemeinsam mit dem Großimam der Al-Azhar-Universität von Kairo, Scheich Ahmad al-Tayyeb, verfasst hat. Dass eine muslimische Autorität auf diese Weise zum Kronzeugen eines päpstlichen Lehrschreibens wird, das gab es noch nie und zeigt, wie wichtig Franziskus die Verständigung unter den Religionen ist. "Gottes Liebe ist für jeden Menschen gleich, unabhängig von seiner Religion", so zitiert sich Franziskus in dem Text selbst. Der Satz stammt aus dem Dokumentarfilm, den Wim Wenders über den Papst gedreht hatte.

Im interreligiösen Dialog beruft sich Franziskus allerdings auch auf den Heiligen Franziskus. Deshalb die feierliche Unterzeichnung der Enzyklika gestern an dessen Grab. Es berühre ihn, schreibt der Papst, wie der Heilige Franziskus vor 800 Jahren dazu einlud, "jede Form von Aggression und Streit zu vermeiden und auch eine demütige und geschwisterliche "Unterwerfung" zu üben, sogar denen gegenüber, die seinen Glauben nicht teilten".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. Oktober 2020 um 15:00 Uhr.