Palästinenser demonstrieren gegen das Abkommen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emirate | Bildquelle: MOHAMMED SABER/EPA-EFE/Shutterst

Palästinenser So isoliert wie schon lange nicht mehr

Stand: 09.09.2020 20:19 Uhr

Viele Palästinenser fühlen sich von den Vereinigten Arabischen Emiraten verraten: Der Golfstaat will sich Israel annähern - ein Bruch mit einem gesamtarabischen Konsens. Welche Möglichkeiten bleiben ihnen?

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Schwarz, weiß, grün und rot: Die panarabischen Farben zieren sowohl die palästinensische Flagge als auch die Fahne der Vereinigten Arabischen Emirate. Arabische Brüder und Schwestern, verbündet in der Auseinandersetzung mit Israel - so lautet die symbolische Botschaft.

Von diesem vermeintlichen Ideal ist in diesen Tagen aber nicht mehr viel zu sehen. Bereits kommende Woche wollen Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate ein Abkommen zur Normalisierung ihrer Beziehungen im Weißen Haus unterzeichnen. Palästinenser-Präsident Machmud Abbas zeigte sich im August voller Wut. Er warf den Emiraten vor, sie hätten versucht, die Welt zu täuschen und vorgegeben, etwas Großartiges für die Palästinenser erreicht zu haben, weil Israel die angekündigte Annektierung des Westjordanlandes vorerst nicht umsetzen will. "Sie ignorieren die Rechte der Palästinenser", sagte Abbas. "Und wir betrachten es als hinterhältigen Angriff auf die palästinensische Sache."

Palästinenser-Präsident Abbas | Bildquelle: REUTERS
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Attackiert die Vereinigten Arabischen Emirate: Palästinenser-Präsident Abbas

Immer weniger Partner

Abbas ist 84 Jahre alt, seit Jahrzehnten setzt er sich für einen eigenen palästinensischen Staat ein. So isoliert wie in den vergangenen Wochen war er selten. Mit der US-Regierung spricht er nicht mehr, seitdem Donald Trump 2017 Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte. Unvergessen ist, dass Abbas den US-Botschafter in Israel, der sich für israelische Siedlungen im besetzten Westjordanland einsetzt, einen "Hundesohn" nannte.

Auch die Zusammenarbeit mit Israel hat Abbas eingestellt, unter anderem, weil Israel lange nicht von seinen Plänen abrückte, Teile des Westjordanlandes zu annektieren.

Diese sind zwar zumindest vorerst vom Tisch. Aus Sicht der Palästinenser ist aber dennoch etwas Unerhörtes geschehen:  Ein Bruch mit einem panarabischen Konsens. Denn vor 18 Jahren machte die Arabische Liga Israel ein Angebot: Eine Normalisierung sei möglich - aber nur, wenn Israel die Besatzung des Westjordanlandes beende. Und nur, wenn es einen palästinensischen Staat mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt gebe.

Verständnis für "Enttäuschung"

Doch nun wollen die Vereinigten Arabischen Emirate diplomatische Beziehungen mit Israel auch ohne die Erfüllung dieser Bedingungen aufnehmen. Dass es deshalb "eine gewisse Enttäuschung" auf Seiten der Palästinenser gebe, könne er durchaus verstehen, sagte der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Niels Annen, der vor wenigen Tagen Israel und die palästinensischen Gebiete besuchte.

Vieles spreche dafür, dass diese Vereinbarung nicht mit der palästinensischen Führung abgestimmt gewesen sei. Die Botschaft der Bundesregierung sei deshalb: "Deutschland begrüßt diese Normalisierung", sagte Annen Aber Deutschland trete sehr klar auch weiter für die Rechte der palästinensischen Bevölkerung und für eine Zweistaatenlösung ein.

In Tel Aviv wurden nach der Bekanntgabe des geplanten Abkommens ein Gebäude in den Farben der Flagge der Vereinigten Arabischen Emirate angestrahlt | Bildquelle: AP
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In Tel Aviv wurden nach der Bekanntgabe des geplanten Abkommens ein Gebäude in den Farben der Flagge der Vereinigten Arabischen Emirate angestrahlt

"Aus Schmerz eine Gelegenheit machen"

Die Bundesregierung will die Führung der Palästinenser bei allem Frust dazu bewegen, dialogbereiter zu werden: eigene, konkretere Vorschläge auf den Tisch zu legen und wieder mit Israel zu verhandeln.

Das fordert auch der palästinensische Philosoph und Aktivist Sari Nusseibeh. Er versucht, dem nahenden Deal zwischen Israel und den Emiraten etwas Positives abzugewinnen. Zwar verschlechterten sich die Dinge, und das sei für die Palästinenser schmerzhaft. Aber, meint er: "Vielleicht können wir aus dem Schmerz eine Gelegenheit machen. Unsere Führung sollte sich das anschauen. Warum sollten wir die Emirate nicht bitten, sich für die Dinge einzusetzen, die die Palästinenser immer gefordert haben?"

Schlägt Abbas einen anderen Ton an?

Auch Nusseibeh hofft, dass sich seine Führung nicht weiter isoliert. Laut Medienberichten könnte dieser Wunsch teilweise in Erfüllung gehen. Ein erster Hinweis könnte von einem virtuellen Treffen der Arabischen Liga kommen - jenes Forum also, von dem sich die Palästinenser vor dem Hintergrund der Annäherung zwischen Israel und den Emiraten Solidarität erhoffen. Der Organisation gehören auch die Emirate an.

Dennoch setzt Abbas, der für seine Ausbrüche bekannt ist, offenbar nun auf Mäßigung. Er wies seine Diplomaten an, verbale Angriffe gegenüber allen anderen arabischen Staaten zu unterlassen.

Frustriert und isoliert: Die Lage der Palästinenser
Benjamin Hammer (ARD Tel Aviv)
09.09.2020 15:11 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. August 2020 um 07:15 Uhr in der Sendung "Interview".

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