Menschen drücken lautstark ihren Protest gegen die USA aus.  | Bildquelle: REUTERS

Pakistan und die USA Beziehungsstatus: extrem kompliziert

Stand: 05.01.2018 17:18 Uhr

Zwischen Pakistan und den USA verschärft sich der Ton - beide Partner überziehen sich gegenseitig mit Vorwürfen. Dabei kann sich keiner der beiden einen Beziehungsbruch leisten.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Sie tragen den Protest auf die Straße, verbrennen amerikanische Flaggen und ein Poster des US-Präsidenten: Demonstranten in der pakistanischen Hafenstadt Karachi. Damit reagieren sie auf die scharfen Worte aus Washington, denen zufolge Pakistan ein Doppelspiel betreibe, lüge und auch der US-amerikanischen Finanzhilfe nicht würdig sei.

"Trump beleidigt uns", erklärt der Anführer des Protestmarsches, ein ranghohes Mitglied der Gruppe Jamaat-ud-Dawa. "Aber das war schon immer typisch für die USA. Wenn sie ein Ziel erreicht haben, lassen sie ihre Partner einfach im Stich."

Die Gruppe Jamaat-ud-Dawa ist ein Teil des Problems - sie ist nicht nur eine islamistische Organisation, ihr Gründer Hafiz Saeed gilt außerhalb Pakistans als Terrorist. Er soll hinter schweren Anschlägen im benachbarten Indien stecken. In Pakistan kann er sich aber frei bewegen. Unter Druck von außen scheint das Land ohnehin geeint.

Vorwürfe von allen Seiten

Auch Oppositionsführer Imran Khan, ein früherer Cricketstar, facht die Empörung über die Angriffe aus Washington an. "Pakistan hat viele Opfer gebracht für einen amerikanischen Krieg", sagt er. "Unsere Stammesgebiete an der afghanischen Grenze sind verwüstet. Und jetzt werden wir erniedrigt, von einem Präsidenten, der den Verstand verloren hat, ignorant ist und sich von unseren Feinden beeinflussen lässt."

Die Feinde sitzen für viele Pakistaner in Indien und in der afghanischen Regierung. Indien ist seit jeher der große Rivale. Beinahe täglich gibt es an der Grenze Scharmützel zwischen Soldaten beider Länder. Und Afghanistans Regierung wirft Pakistan seit langem vor, Extremisten zu unterstützen und das Land zu destabilisieren. Eine Haltung, die die US-Regierung teilt.

Khan will die Vorwürfe nicht im Raum stehen lassen. "In Afghanistan waren noch vor wenigen Jahren 150.000 NATO-Soldaten und mehr als 200.000 afghanische Soldaten im Einsatz", erklärt er. "Aber Trump versucht nun zu sagen, dass die NATO den Krieg dort auch nach 16 Jahren nicht gewinnen kann, nur weil ein paar tausend Kämpfer aus Pakistan nach Afghanistan geschickt worden seien. Jeder, der die Fakten kennt, wird diese Version für unglaubwürdig halten."

Anhaltspunkte für Doppelspiel

Dabei gibt es - Khans Äußerungen zum Trotz - viele Anhaltspunkte für ein Doppelspiel Pakistans. NATO-Soldaten berichteten jahrelang davon, wie Pakistans Armee Talibankämpfer deckte, die sich über die pakistanische Grenze zurückzogen. Die pakistanische Stadt Quetta unweit der afghanischen Grenze gilt als Hochburg der afghanischen Taliban.

Das sogenannte Haqqani-Netzwerk, eine berüchtigte Terror-Gruppe im Umfeld der afghanischen Taliban, wird angeblich vom pakistanischen Militärgeheimdienst ISI gefördert. Zudem gibt es Terrorgruppen, die angeblich vom ISI direkt kontrolliert werden, sie richten sich gegen Pakistans Erzfeind Indien.

Viele Islamisten aber wandten sich schließlich auch gegen die eigene, pakistanische Regierung, die ihnen nicht radikal genug ist. Die frühere US-Außenministerin Hillary Clinton sagte dazu bereits 2011 während eines Besuchs in Islamabad, wer in seinem Hinterhof Schlangen halte, könne nicht davon ausgehen, dass nur die Nachbarn gebissen werden.

Studenten protestieren am 05.01.2018 in Islamabad (Pakistan) gegen US-Präsident Trump und halten ein Banner mit der Aufschrift: «Lang lebe Pakistan, nieder mit Amerika». | Bildquelle: dpa
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Auch Studenten protestierten in Islamabad gegen die USA.

Netzwerk überzieht Pakistan mit Terror

Tatsächlich haben sich mindestens 30 extremistische Gruppen zum Netzwerk der pakistanischen Taliban zusammengeschlossen. Dieses Netzwerk überzieht Pakistan mit Terror - gemeinsam mit anderen Gruppen, die der Terrormiliz "Islamischer Staat" die Treue geschworen haben. Pakistan aber macht die USA für die Opfer der unzähligen Anschläge verantwortlich, so auch Ex-Premier Nawaz Sharif.

"17 Jahre lang haben wir in einem Krieg gekämpft, der nicht unserer war", sagt Sharif. "Wir haben eine Operation gegen die Terrorgruppen gestartet und ihnen das Rückgrat gebrochen. Die letzten Terrornester werden wir auch bald ausgemerzt haben. Aber ich würde dem jetzigen Premier Abbasi raten, das Land von amerikanischer Finanzhilfe unabhängig zu machen, so dass unsere Würde nicht derart angegriffen werden kann wie von Trump."

Zuletzt hatte der US-Kongress vor etwas mehr als einem Jahr Finanzhilfen für Pakistan in Höhe von 1,1 Milliarden Dollar freigegeben. Das Geld, das Trump jetzt einzubehalten droht, ist Teil dieses Pakets. Doch trotz aller Drohungen glauben viele Beobachter nicht, dass es zum Bruch in den Beziehungen beider Länder kommen wird. Denn auch die USA brauchen Pakistans Hilfe, solange sie in Afghanistan engagiert sind. Zu porös ist die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan. Außerdem ist Pakistan eine Atommacht. Die USA haben kein Interesse daran, dass das Arsenal in falsche Hände geraten könnte. Und so dürfte das Verhältnis beider Staaten bleiben, was es schon seit vielen Jahren ist: extrem kompliziert.

Beziehung zwischen Pakistan und den USA
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
05.01.2018 16:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 05. Januar 2018 um 15:08 Uhr und um 17:45 Uhr in den Nachrichten.

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