Heuschrecken sitzen auf einer Frucht | Bildquelle: JAMAL TARAQAI/EPA-EFE/Shuttersto

Heuschrecken in Indien Zeit der Plagen

Stand: 28.05.2020 09:00 Uhr

Das Coronavirus, ein Zyklon und jetzt Heuschrecken: Eine Serie von Plagen sucht derzeit Indien heim. Die Tiere fressen ganze Ernten. Viel hängt jetzt von der Regenzeit ab.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Sie hängen an Luftschächten, Stahltreppen und Balkonbrüstungen. Auf der Terrasse von Ashish Kumar ist kein einziges Stückchen Fliese mehr zu sehen. Der Boden ist ein wimmelndes Braun, dicht an dicht haben die Heuschrecken sich hier abgesetzt. 

Heuschreckenschwarm auf einem Dach in Raipur | Bildquelle: AFP
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Heuschreckenschwarm auf einem Dach in Raipur

Jede einzelne von ihnen sei rund 15 Zentimeter lang, sagt der Geschäftsmann aus Jaipur. Ashish Kumar hat viele Handyvideos gedreht und sie in den sozialen Netzwerken geteilt. Am Telefon sagt Kumar:

"Von jetzt auf gleich waren sie plötzlich in unserem Viertel. Es müssen Millionen gewesen sein - so viele, dass wir sie nicht zählen konnten. Sie fliegen nebeneinander her, aber es kamen immer mehr. Ein Schwarm vorneweg, ein anderer hinterher." Zwei Stunden habe es gedauert.

Ein Quadratkilometer Heuschrecken

Ein Schwarm erstrecke sich über 1000 mal 1000 Meter. Darin fliegen rund 40 Millionen Heuschrecken, sagt Anil Sharma. Mehr als 25 Jahre hat er im Ministerium für Landwirtschaft gearbeitet. Sein Spezialgebiet: Wüsten-Heuschrecken,

"Wegen des Klimawandels haben wir dieses Problem jetzt in diesem Ausmaß.  Die Heuschrecken werden alles auffressen, was grün ist und auf ihrem Weg liegt. Das kann in einer Krise enden. Weil sie die Ernten auffressen, ist die Nahrungssicherheit für die Menschen gefährdet."

Ernten in Gefahr

Schon ein kleiner Schwarm der Insekten kann theoretisch an einem Tag so viel vertilgen wie 35.000 Menschen. Die Bauern im Norden von Indien haben ihre Ernten wegen der Ausgangssperre in den letzten Wochen nicht verkaufen können und sie daher draußen gelagert. Die Heuschrecken haben sie in wenigen Stunden einfach aufgefressen.

In den Städten und auch auf dem Land versuchen die Inderinnen und Inder die Heuschrecken mit Lärm zu vertreiben: Sie klopfen auf Töpfe, rufen laut. Aber das wird keinesfalls reichen, sagt Heuschrecken-Experte Sharma. Pestizide müssten in der Nacht versprüht werden, um die Population der Schwärme zu minimieren. Aber jetzt, in Zeiten der Corona-Pandemie, sei es noch schwieriger, gegen die Heuschrecken vorzugehen:

"Seit Wochen haben wir in Indien eine Ausgangssperre. Viele Fabriken sind geschlossen. Wir stehen jetzt vor der großen Herausforderung, wie wir an alle Mittel herankommen können, um die Heuschrecken zu töten."

Verborgene Generationen

Wissenschaftler der Vereinten Nationen sagen, dass die Heuschreckenplage in diesem Jahr besonders groß sei, weil die Schwärme lange Zeit nicht entdeckt worden seien. Sie führen die derzeitige Plage auf Wirbelstürme aus den Jahren 2018 und 2019 zurück.

Starker Regen auf der Arabischen Halbinsel habe begünstigt, dass mindestens drei Generationen von Heuschrecken herangewachsen seien - in einem unvorstellbaren Ausmaß. Von dort hätten sie sich nach Südasien und Ostafrika aufgemacht.

Schutz der Sommerernten

Die nächsten Tage und Wochen in Indien seien nun entscheidend, sagt Anil Sharma: "Wenn wir die Schwärme nicht unter Kontrolle bekommen, bevor die Regenzeit beginnt, dann stehen wir vor enormen Problemen."

Die Heuschrecken würden sich dann schnell vermehren können, weil die Bedingungen gut seien: "Viele frische und grüne Pflanzen wachsen in kurzer Zeit heran. Die dann allerdings komplett aufgefressen werden könnten. Die gesamte Sommerernte wäre dann verloren."

Das könnte im Juni der Fall sein. Dann beginnt der Monsun im Norden von Indien.

Corona, Zyklon und jetzt Heuschrecken
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
28.05.2020 07:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 28. Mai 2020 um 10:21 Uhr.

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