Hilfsgüter aus Japan auf dem internationalen Flughafen Fua'amotu auf der Insel Tongatapu, Tonga. | via REUTERS

Tonga nach dem Vulkanausbruch Langsam kehrt das Leben zurück

Stand: 22.01.2022 11:52 Uhr

Ein Vulkanausbruch hatte den Inselstaat Tonga zeitweise völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Nun kommen erste Hilfsgüter an, Telefone funktionieren wieder - und es mehren sich Geschichten von Überlebenden.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

"Achtmal sank ich unter Wasser, und ich kämpfte um Luft. Die See wirbelte und zog mich unter Wasser. Beim achten Mal dachte ich: Noch einmal, und dann ist es vorbei, denn ich konnte mich nur mit meinen Armen über Wasser halten", berichtet Lisala Folau von dem Tag, als der Vulkan Hunga Tonga-Hunga Ha'apai ausbrach. "Ich sagte mir: Wenn ich jetzt noch einmal hochkomme und es dann nicht mehr schaffe, dann war’s das."

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Folau war früher Tischler und kann durch eine körperliche Behinderung seine Beine kaum bewegen. Als der Vulkan nahe Tonga ausbrach, riss der nachfolgende Tsunami den 57-Jährigen von seiner Heimatinsel Atata ins Meer.

"Ich war die Hoffnung, die für alle wahr wurde"

"Das neunte Mal sank ich unter Wasser und kam hoch - und konnte ein großes Stück Holz greifen. Und so hielt ich durch. Ich hörte vom Land aus meinen Sohn nach mir rufen - aber ich antwortete nicht. Ich wollte nicht, dass er hinausschwimmt und versucht mich zu retten", berichtet Folau. Die Wellen hätten ihn hin und her gewirbelt, während er sich an das Stück Holz klammerte.

24 Stunden lang, durch die Nacht und bis zum nächsten Abend trieb und schwamm Folau, landete zweimal an kleinen unbewohnten Inseln und erreichte schließlich die Hauptinsel Tongatapu, wo er sich an Land und über eine Straße schleppte, bis er Hilfe fand. "Ich war die Hoffnung, die für alle wahr wurde", sagt der Tsunami-Überlebende und preist Gott für seine Rettung.

Erste Telefonleitungen funktionieren wieder

Diese und andere Nachrichten werden jetzt bekannt, eine Woche nach dem gigantischen Vulkanausbruch im Pazifik. Der zerstörte alle Kommunikationsleitungen, tagelang war nichts von dem Südseekönigreich zu hören. Inzwischen konnte die Telefongesellschaft zumindest einige Leitungen reparieren.

"Es war sehr emotional. Ich war auf jeden Fall sehr ergriffen, als das Team mich anrief - denn das hieß, dass wir einen Durchbruch erzielt hatten, erzählt Anthony Seuseu, Chef des Telekommunikationsunternehmens Digicel Tonga. Und das war so wichtig, weil wir wussten, dass die Familien ihre Angehörigen in Tonga vier Tage lang nicht erreicht hatten. Und darum versuchten wir verzweifelt, die Leitungen wiederherzustellen, für Tonga und in alle Welt."

Doch das Unterwasserkabel für die Internetverbindung ist an zwei Stellen beschädigt. Das Schiff, das für Reparaturen notwendig ist, befindet sich zurzeit nahe Papua-Neuguinea, etwa 4000 Kilometer entfernt. Wie lange eine Reparatur dauern wird sei schwer zu sagen. "Wenn es ein glatter Schnitt wäre, ohne dass noch ein Vulkan weiter vor sich hin brodelt, dann dauert es bis Mitte Februar. Im besten Fall", so Seuseu. Der Unternehmer Elon Musk hatte via Twitter angeboten, Internetterminals seines Satellitennetzwerks Starlink zu schicken.

Hilfsangebote aus der ganzen Welt

Unterdessen ist weitere Hilfe aus dem Ausland eingetroffen, ein zweites Schiff der neuseeländischen Marine mit Wasser und Entsalzungsanlagen an Bord. Trinkwasser ist das Wichtigste, erläutert Tongas Handelsminister Tatafu Toma Moeaki in einem Telefoninterview mit chinesischen Medien.

"Ein großes Problem ist der Staub vom Vulkan. Die Regierung warnt die Menschen, sie sollen in ihren Häusern bleiben, gute Masken tragen und kein Wasser verschwenden", so Moeaki. Denn es sieht so aus, als wäre bald kein Wasser mehr da."

Australien, Neuseeland, China, Großbritannien, die Vereinten Nationen, UNICEF, die Weltgesundheitsorganisation und andere haben ebenfalls Hilfe losgeschickt. Aber alle Hilfsgüter müssen kontaktlos übergeben werden, damit ausländische Helfer nicht das Coronavirus nach Tonga bringen. Bisher ist das Land bis auf eine einzige Infektion frei von Covid-19. Ein australischer Hilfsflug musste umkehren, da ein Besatzungsmitglied an Bord positiv auf das Virus getestet wurde

UN: Langfristige Hilfe nötig

Die UN fürchten, dass Tonga lange Zeit auf Hilfslieferungen angewiesen sein wird. Ein Fünftel der Bevölkerung lebte schon vor dem Vulkanausbruch unterhalb der Armutsgrenze, und durch den Tsunami und den vulkanischen Ascheregen seien viele Ackerflächen, der Viehbestand und die Fischerei stark in Mitleidenschaft gezogen, so ein Sprecher des Welternährungsprogramms.

Mit dem Tourismus ist zudem ein weiterer Einkommenszweig zunächst verloren. "Die touristischen Resorts auf der Hauptinsel, etwa vier, die alle an der Westküste hintereinanderlagen - sie sind alle verschwunden", sagt der Handelsminister. Doch, so sagt ein tonganischer Abgeordneter, sein Volk ist sehr widerstandsfähig. Wie der Tischler Lisala Folau mit seiner Geschichte von Hoffnung und Überleben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Januar 2022 um 07:43 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".