Ein australischer Soldat patrouilliert vor einem ausgebrannten  Gebäude in der Hauptstadt Honiara auf den Salomonen. | AFP

Gewalt auf den Salomonen Spielball im Kampf der Großmächte

Stand: 04.12.2021 12:49 Uhr

Die Gewaltausbrüche auf den abgelegenen Salomonen haben die Pazifikstaaten alarmiert. Denn die Wut, die sich dort gegen chinesische Geschäfte und Gebäude richtete, hat auch eine außenpolitische Dimension.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Vor den schwarzverkohlten Ruinen ausgebrannter Geschäfte türmen sich Unrat und Schutt, Glasscherben, aufgebrochene Kisten. Schwerbewaffnetes Militär patrouilliert auf den Lehmstraßen Hoiniaras. Australien, Fidschi und Neuguinea haben Soldaten in die Hauptstadt der Salomon-Inseln geschickt. Neuseeland entsandte 15 Polizisten.

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Denn es geht um mehr als Unruhen in einem abgelegenen südpazifischen Inselstaat 2000 Kilometer nordöstlich von Australien: Die Salomonen sind Spielball im Konkurrenzkampf der Großmächte um den Einfluss auf einige der kleinsten Nationen der Welt. Und die Pazifik-Anrainerstaaten sind alarmiert, dass der Konflikt zwischen China, Taiwan und USA ihre regionalen und wirtschaftlichen Konflikte verschärft.

Proteste gegen Kurswechsel der Regierung

Mehrere hundert Demonstranten waren vergangenen Mittwoch zum Parlament marschiert, um gegen den Kurswechsel der Regierung zu protestieren. Vor zwei Jahren nämlich hatte Premier Manasseh Sogavare die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan aufgekündigt und sich Peking angenähert. Begründung: "Wir wollen auf der richtigen Seite der Geschichte stehen!" Natürlich ging es dabei auch um viel Geld, denn der neue Freund aus Peking stellte Millioneninvestitionen in die unterentwickelte Infrastruktur in Aussicht.

Womöglich war auch Bestechung im Spiel, spekuliert Tess Newton Cain vom Griffith Asien-Institute in Australien: "Sorgen über Korruption auf den Salomonen sind nicht neu. Sogavare ist schon sehr lange ein mächtiger Spieler in der Politik. Er hat viele Unterstützer, aber auch viele Gegner, die seit langem Groll gegen ihn hegen und ihn gerne fallen sähen."

Streit schwelt seit zwei Jahren

Wichtigster Gegenspieler Sogavares und seiner Annäherung an China ist der Premier der größten Insel Malaita, Daniel Suidani. Dieser verbannte chinesische Unternehmen aus seiner Provinz und nahm stattdessen Entwicklungshilfe aus den USA an.

Vergangene Woche nun eskalierte der seit zwei Jahren schwelende Streit. Demonstranten aus der Provinz Malaita marschierten zum Parlamentsgebäude in der Hauptstadt. Als die Regierung ihnen das Gespräch verweigerte, zog der wütende Mob durch das chinesische Viertel von Hoinara, brandschatzte und plünderte. Vier Menschen kamen ums Leben, 63 Gebäude wurden vollständig zerstört.

"Wir sind nicht hier, um uns in eine Demokratie einzumischen", versicherte Australiens Premierminister Scott Morrison nach der Entsendung von gut 100 Soldaten, "sondern als Mitglied einer Familie, um ein sicheres und stabiles Umfeld zu schaffen, in dem die Konflikte der Salomonen gelöst werden können!"

Washington alarmiert über Pekings Politik

Chinas Bemühungen, Taiwans Freunde herüberzuziehen, hat Washington alarmiert. Die Strategie, sich politischen Einfluss durch Investitionen in die Infrastruktur von Schwellenländern zu sichern, hat auch in anderen Pazifikstaaten funktioniert.

Die Inselrepublik Kiribati etwa schwenkte ebenfalls von Taipeh nach Peking um. Dessen früherer Präsident Anote Tong fürchtet für die 120.000 Einwohner-Inselgruppe Kiribati ähnliche Unruhen wie auf den Salomonen: "Die Annäherung an China war nicht wirklich populär bei der Bevölkerung. Weil sie sich oft eher wie Besatzer als Investoren aufspielen."

Mikronesiens Präsident David Panuela erklärte, seine Regierung bemühe sich um sorgfältige Balance zwischen China und den USA, um zwischen deren Rivalität "nicht zum Sandwich" zu werden. Eine Angst, die viele der Pazifikstaaten teilen.

"Wir sollten die Vorgänge auf den Salomonen sehr genau beobachten", appelliert die frühere Generalsekretärin des Pazifischen Inselforums, Meg Taylor. "Denn was hier passiert ist, kann jederzeit wieder passieren."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Dezember 2019 um 07:48 Uhr.