Die Trandsgender-Sportlerin Laurel Hubbard tritt 2018 im Gewichtheben bei den "Gold Coast 2018 Commonwealth Games" an. | AP

Olympische Sommerspiele in Tokio Erste Transgender-Athletin kämpft um Medaillen

Stand: 11.07.2021 09:28 Uhr

Vor neun Jahren hat Laurel Hubbard ihr Geschlecht anpassen lassen. Nun wird sie als erste Transgender-Sportlerin bei den Olympischen Spielen antreten. Doch die Sportwelt ist sich über die Fairness ihrer Teilnahme uneins.

Von Jennifer Lange, ARD-Studio Singapur,   zzt. Hamburg

Laurel Hubbard reißt das 124 Kilo schwere Gewicht hoch, stemmt es mit ausgestreckten Armen über ihren Kopf und lässt es erleichtert wieder fallen. Bei den Olympischen Spielen in Tokio wird die 43-Jährige die erste offene Transgender-Athletin sein.

Jennifer Lange

Für Kereyn Smith, die Chefin des Olympischen Komitees von Neuseeland, ist das ein historischer Moment: "Sie ist unsere erste Olympionikin, die ihre Identität von männlich zu weiblich gewechselt hat."

Es war 2012 als Hubbard ihr Geschlecht anpassen ließ.

Vorteile in "Geschwindigkeit, Ausdauer, Kraft" für den Mann

Kritiker sagen, ihre Teilnahme an den Spielen sei nicht fair. "Weil Männer Leistungsvorteile haben, die in ihrem biologischen Geschlecht begründet sind. Sie übertreffen uns in Geschwindigkeit, Ausdauer, Kraft", sagt Katherine Deves, Sprecherin der Gruppe "Save Women's Sport Australasia":

Nur den Faktor Testosteron rauszugreifen, führt in die Irre. Wir vernachlässigen die Anatomie: die schneller zuckenden Muskeln, die größeren Organe. Männer erholen sich schneller, haben stärkere Knochen, kein gekipptes Becken und sind deshalb weniger anfällig für Knie- und Sprunggelenksverletzungen. Die Liste geht weiter und weiter.

Der Präsident des Olympischen Gewichtheber-Teams Neuseelands, Richie Patterson, hält dagegen: "Wir wissen, dass es viele Fragen rund um die Fairness gibt bei Transgender-Athleten. Aber ich möchte uns alle erinnern, dass Laurel alle erforderlichen Kriterien erfüllt."

Testosteronspiegel wird regelmäßig kontrolliert

Daher sei es ein fairer Wettkampf, sagen auch Sportsoziologen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) legte 2015 mehrere Kriterien für die Teilnahme von Transgender-Athletinnen fest. Unter anderem muss der Wechsel der Identität mindestens vier Jahre zurückliegen und der Testosterongehalt im Blut mindestens ein Jahr unter zehn Nanomol pro Liter gelegen haben. Dieser Wert wird regelmäßig kontrolliert.

Der Testosteronspiegel sei derzeit das beste Kriterium, erklärt Professor Yannis Pitsiladis, Mitglied der medizinisch-wissenschaftlichen Kommission des IOC. Irgendwann könnte man vielleicht auch weitere Werte hinzuziehen. "Wir brauchen einfach Daten von Menschen im Prozess der Transition im Spitzensportbereich, um die Physiologie, Anatomie und so weiter zu verstehen", so Pitsiladis.

Noch zu wenig über Auswirkungen der Geschlechtsanpassung bekannt

Die Langstreckenläuferin Joanna Harper hat selbst eine Geschlechtsanpassung hinter sich. Heute berät sie das Olympische Komitee. Im US-Fernsehen erzählt sie: "Neun Monate nach meiner Hormontherapie bin ich zwölf Prozent langsamer gelaufen - das ist der Unterschied zwischen ernsthaften männlichen Athleten und ernsthaften weiblichen Athleten."

Andere Sportler berichten, sie hätten durch die Hormontherapie stark an Muskelmasse verloren. Auf die Frage, ob das dann ein fairer Wettkampf sei, antwortet Harper: "Die absolute Antwort auf diese Frage ist noch nicht sicher. Wir brauchen viel mehr Daten, bevor wir eine absolute Aussage darüber treffen können."

Der Weltverband für Sportmedizin schlägt vor, den Grenzwert für Testosteron noch mal zu halbieren. Das IOC berät über den Vorschlag und will sich nach den Spielen in Tokio dazu äußern.

Die Transgender-Sportlerin Laurel Hubbard atmet bei einem Wettkampf 2018 mit geschlossenen Augen und einem Lächeln erleichtert durch. | REUTERS

"Ich bin nicht hier, um die Welt zu ändern", sagt Laurel Hubbard über sich selbst. Bild: REUTERS

"Ich möchte einfach nur ich sein"

Hubbard scheint der Rummel um ihre Person manchmal ein bisschen viel. Eigentlich würde sie sich am liebsten nur auf ihren Sport konzentrieren, erzählt sie in einem ihrer selten Interviews.

Ich bin, wer ich bin. Ich bin nicht hier, um die Welt zu ändern. Ich möchte einfach nur ich sein. Und machen, was ich mache.

Sie habe mit dem Gewichtheben angefangen, weil es ein männlicher Sport sei. Weil sie hoffte, so männlicher zu werden, sich männlicher zu fühlen. Doch das sei nicht passiert. "Die Menschen glauben, was sie glauben - und wenn man ihnen etwas zeigt, das vielleicht neu oder anders ist als das, was sie kennen, ist es instinktiv, das erst mal abzulehnen."

Bei den Olympischen Spielen wird sie bei den Frauen im Superschwergewicht antreten. Für ihre Unterstützer ist es egal, ob sie dabei Gold gewinnt oder nicht. Dass sie überhaupt antreten darf, als Frau gegen andere Frauen, ist für sie ein Sieg.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Mai 2021 um 19:44 Uhr in "Sport am Wochenende".