Wohnhäuser und Straßen stehen unter dem Hochwasser des angeschwollenen Hawkesbury River in Windsor, nordwestlich von Sydney. | dpa

Schwere Flut in Australien "Halten Sie sich fern"

Stand: 04.07.2022 10:17 Uhr

Rettungskräfte im Dauereinsatz, Zehntausende auf der Flucht, eine Evakuierungsorder für 30.000 Menschen im Großraum Sydney: Australien leidet unter der vierten Flut binnen 18 Monaten.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Tankstellen unter Wasser, ein Rummelplatz, auf dem nur noch ein Riesenrad aus den Fluten ragt, Straßenkreuzungen, die zu Seenlandschaften geworden sind. Heftiger Wind, der Meerschaum in die Straßen Sydneys weht - und vor der Küste ein in Seenot geratenes Containerschiff mit 21 Menschen an Bord. Aus einem Helikopter schauen die Retter auf das Schiff hinab, das von den Wellen hin und hergeschleudert wird; doch wegen der heftigen Winde ist ein Rettungseinsatz noch nicht möglich.

An Land gab es allein in der vergangenen Nacht 80 Flutrettungseinsätze, sagt Dominic Perrotet, Regierungschef des bevölkerungsreichsten Bundesstaates New South Wales im Osten Australiens. Er dankte den Notdiensten für ihren unaufhörlichen Einsatz in den vergangenen drei Tagen. In einigen Ortschaften waren die Katastrophenhelfer von Tür zu Tür gegangen, um Evakuierungswarnungen auszusprechen; 30.000 Menschen im Großraum Sydney müssen sich auf eine Evakuierung einstellen.

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Gefahr wird unterschätzt

Immer wieder unterschätzen Menschen, wie tief das Wasser ist - und vor allem, wie reißend seine Strömung: Eine Schaulustige watete auf eine überschwemmte Straße und wurde fortgerissen. Sie klammerte sich eine Stunde lang an einen Pfosten und konnte rechtzeitig gerettet werden. 

Die Regierung warnt: "Die Botschaft ist klar und simpel: Wenn Sie Überschwemmungen sehen: Vergessen Sie’s, halten Sie sich fern. Sie gefährden nicht nur ihr eigenes Leben, auch das unserer Rettungskräfte."

Ein Vergnügungspark in Camden im Südwesten Sydneys ist von den Fluten überschwemmt. | dpa

Ein Vergnügungspark in Camden im Südwesten Sydneys ist von den Fluten überschwemmt. Bild: dpa

Wasserstände höher denn je

Neben unberechenbaren Wassertiefen und Strömungen drohten auch Erdrutsche und Sturzfluten. Alle Behördenvertreter und Katastrophenschützer wurden nicht müde zu betonen: Welche Erfahrungen auch immer die Bewohner schon mit Überschwemmungen gemacht hätten und meinten, womöglich gerüstet zu sein - sie könnten sich nicht in Sicherheit wiegen.

Eine Entspannung der Lage ist laut der australischen Ministerin für Katastropheneinsätze, Steph Cooke, nicht abzusehen. "Das Wetteramt warnt uns, dass der Hawkesbury River und der Nepean River höher steigen werden als das, was wir bisher gesehen haben - im März 2021, im März 2022 und im April 2022." Gefahren drohten von mehreren Fronten. Denn zu über die Ufer tretenden Flüssen und Sturzfluten kommt noch die Küstenerosion.

Für viele Gemeinden ist es die vierte Flut innerhalb von 18 Monaten, und viele Bilder, die wir sehen, sind herzzerreißend. Ihr Heim, ihr Leben wird wieder auf den Kopf gestellt, ihre Einkommensquellen: ruiniert.

Auswirkung des Klimawandels

Viele Geschäfte in Ortschaften, die von den vergangenen Fluten betroffen waren, wurden gerade erst fertig renoviert und wiedereröffnet. Andere Betroffene hatten hingegen aufgegeben und wollten fortziehen.

Der Bundesminister für Katastrophenschutz zeigte sich im Sender ABC überzeugt: Die sich häufenden Krisensituationen machten deutlich, dass der Klimawandel endlich ernst genommen werden müsse. Experten warnen seit Jahrzehnten, dass durch eine sich erwärmende Atmosphäre heftigere Wetterextreme mit mehr Starkregen drohen. Australien, als einer der weltgrößten Kohleförderer, bekommt das jetzt zu spüren.

Eine Mannschaft des NSW State Emergency Service ist in einem Rettungsboot zu sehen, als die Straßen in Windsor, nordwestlich von Sydney, vom Hochwasser des Hawkesbury River überflutet werden. | dpa

Eine Mannschaft des NSW State Emergency Service ist in einem Rettungsboot zu sehen, als die Straßen in Windsor, nordwestlich von Sydney, vom Hochwasser des Hawkesbury River überflutet werden. Bild: dpa

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. Juli 2022 um 07:24 Uhr sowie BR24 um 09:37 Uhr.