Leere Straße in Melbourne (Australien) nach Beginn eines kurzen Lockdowns in der Stadt Ende Mai 2021. | REUTERS
Reportage

Australien "Wir müssen lernen, mit Covid zu leben"

Stand: 03.06.2021 18:42 Uhr

Australien gilt als Musterbeispiel erfolgreicher Pandemiebekämpfung. Doch die hat auch ihren Preis: Die Grenzen sind geschlossen, eine Öffnung rückt angesichts schleppender Impfkampagne in weite Ferne.

Von Sandra Ratzow, ARD-Studio Singapur

Vor mehr als einem Jahr wollte Bolivar Morejon Saavedra aus Sydney seine Verlobte Veronika aus Ecuador heiraten. Doch noch immer führen sie ihre Beziehung nur übers Handy. Veronika hat zwar ein Visum für Australien. Doch wegen der Corona-Pandemie braucht sie eine Sonder-Einreisegenehmigung - und die wurde bereits 18 Mal abgelehnt.

Sandra Ratzow ARD-Studio Singapur

Bolivar kann auch nicht einfach so zu ihr reisen. Denn Australier dürfen ihr Land derzeit nur mit Ausnahmegenehmigung verlassen. "Meine Verlobte ist 40 Jahre. Wir wollen noch Familie, aber unsere biologische Uhr tickt. Doch das interessiert keinen. Auch die Tatsache, dass ich mit Depressionen und Angstzuständen zu kämpfen habe, wurde beim Antrag nicht als Grund akzeptiert. Das ist quälend", sagt der 52-Jährige, der als Statistiker für die Polizei arbeitet.

Fünf Milliarden Euro Verlust pro Monat

Die große Mehrheit der Australier steht zwar nach wie vor hinter der Politik der geschlossenen Grenzen. Denn der Alltag läuft weitgehend normal, die Wirtschaft wächst und der Staat unterstützt sie mit Milliarden-Hilfsprogrammen. Doch manche werden nun ungeduldig: Tourismusbetriebe wie der Bridge Climb, der Klettertouren auf die Sydney Harbour Bridge anbietet. Vor allem für Touristen aus dem Ausland war das früher eine Attraktion. Nun sind die Grenzen dicht - und der Betrieb hat 75 Prozent weniger Besucher.

Managerin Anthea Hammon fordert: "Das Impfprogramm muss so schnell wie möglich in Gang kommen, damit die Grenzen wieder öffnen können. Das Tourismus- und Verkehrsforum hat berechnet, dass Australien jeden Monat so rund fünf Milliarden Euro verliert. Das ist eine riesige Summe. Und davon müssen wir uns langsam mal erholen."

Impfkampagne läuft schleppend

Doch ausgerechnet beim Impfen hat sich der bisherige Pandemie-Musterstaat Australien Schwächen erlaubt. Erst zwei Prozent aller Australier haben den vollen Impfschutz. Zunächst setzte man alle Hoffnung auf den Impfstoff AstraZeneca, dann gab es Logistik-Probleme. Bei dem derzeitigen Impftempo können erst im Herbst 2022 alle Australier vollständig geimpft sein.

Zudem ist das Land zum Teil Opfer seines Erfolgs geworden. "Als es endlich Impfdosen gab, zögerten manche Leute und fragten sich, ob sie die Impfung hier in Australien überhaupt brauchen", sagt Hausarzt Brad McKay. "Wenn wir uns mit vergleichbaren Staaten in der Welt messen, dann haben wir wirklich nicht so schnell gehandelt, wie es nötig gewesen wäre."

Ein Mann geht in Brisbane (Australien) über eine fast menschenleere Straße | dpa

Immer wieder müssen Australiens Städte in den vorübergehenden Lockdown - wie hier in Brisbane. Bild: dpa

Verliert das Land den Anschluss?

Das sieht auch Politikwissenschaftler Tim Southphommasane von der Universität in Sydney so. Dort machen ausländische Studenten einen Großteil der Absolventen aus. Bis zur Grenzschließung ein Riesengeschäft für die Universitäten im ganzen Land.

Southphommasane glaubt, dass Australien schnell den Anschluss verlieren könne, wenn die USA und Europa weiter zügig öffnen. "Bei aller Vorsicht: Australien wird lernen müssen, mit Covid zu leben oder es wird einen hohen Preis zahlen", meint er.

Der Wissenschaftler kritisiert, dass die Regierung den Zeitpunkt der möglichen Grenzöffnung immer weiter nach hinten verschiebt: "Wenn wir eine moderne, globalisierte Gesellschaft bleiben wollen, eine Handelsnation, dann müssen wir uns wieder öffnen. Unsere bisherigen Erfolge könnten schnell dahin sein, wenn wir weiter eine Einsiedlernation bleiben und uns in eine Festung zurückziehen."

Öffnung erst wieder 2022?

Der heiratswillige Bolivar Morejon Saavedra hat mit Gleichgesinnten eine Petition geschrieben und demonstriert. Ohne Erfolg. Er fühle sich im Stich gelassen, sagt er: "Besonders in den letzten Monaten bin ich durch harte Zeiten gegangen. Besonders wenn ich allein zu Haus bin und an meine Partnerin denke und daran, was sie durchmacht." Mitte bis Ende 2022 will die Regierung Australien langsam wieder öffnen. Für Bolivar klingt das wie eine Ewigkeit

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. Juni 2021 um 22:15 Uhr.