Andrew Forrest | EPA
Weltspiegel

Australien Ein Bergbau-Milliardär für Klimaschutz

Stand: 27.11.2022 09:42 Uhr

Ausgerechnet der Industrielle Andrew Forrest will in Australien die grüne Wende vorantreiben. Er investiert massiv in die Förderung erneuerbarer Energien - auch an Orten, die bislang von fossilen Energieträgern leben.

Von Sandra Ratzow, ARD-Studio Singapur

Bergbau-Milliardär Andrew Forrest ist einer der reichsten Männer Australiens. Von seiner Konzernzentrale in Perth aus lenkt und überwacht er ein Imperium von Eisenerzminen, die 1600 Kilometer weit weg im Outback liegen. Doch nun will ausgerechnet er, der Schwerindustrielle, Australiens grüne Revolution anführen.

Sandra Ratzow ARD-Studio Singapur

Forrest setzt auf Wind- und Solarenergie und vor allem auf erneuerbaren Wasserstoff. "Wir können Wasserstoff herstellen mit Wind und Sonne - und Ihr bei Euch auch: mit den Gezeiten oder Geothermie", sagt Forrest. "Wir müssen dafür nichts aus der Erde buddeln. Und Ihr müsst dafür nicht den Kreml bezahlen. Ihr könnt das alles selbst!"

Seine Eisenerzminen sollen demnächst klimaneutral operieren. Deshalb investiert er umgerechnet sechs Milliarden Euro in die Entwicklung wasserstoffbetriebener Lkw, Züge und Schiffe. "Ich habe kein schlechtes Gewissen", sagt er. "Die Welt braucht Metall. Wir müssen nur einen Weg finden, alles, was wir machen, grün zu produzieren."

E.ON will zum Wasserstoff-Abnehmer werden

Felicity Underhill ist eine von Forrests wichtigsten Mitarbeitenden. Im Moment beaufsichtigt sie seine Baustelle in Gladstone im nordöstlichen Bundesstaat Queensland. Statt Kohle soll Australien in einigen Jahren von hier aus Wasserstoff exportieren: "Wir bauen hier eine Produktionsstätte für Elektrolyseure. Das Werk steht für umgerechnet zwei Gigawatt im Jahr und wird das größte Werk der Welt sein", schwärmt sie. Das deutsche Unternehmen E.ON hat angekündigt, bis 2030 fünf Millionen Tonnen Wasserstoff abzunehmen.

Underhill hat selbst bis vor wenigen Jahren im Öl- und Gassektor gearbeitet. "Endlich bin ich auf der Seite der Engel", sagt die Marketing-Spezialistin. Australien habe fantastische Möglichkeiten zur erneuerbare Energiegewinnung: In einer Gegend wie Queensland ergänzten sich Wind und Sonne - tagsüber sei es sonnig, nachts windig. Das ermögliche einen konstanten Strom erneuerbarer Energie - und davon mehr, als Australien nutzen könne.

Abkehr von Australiens fossilem Image

Die Baustelle für die Elektrolyseure-Produktionsstätte liegt ausgerechnet in Gladstone - einer Stadt, die wie ein Symbol für Australiens bisheriges fossiles Image steht: Kohle, Gas, Aluminium. Doch die Zeichen stehen auf Veränderung. Das große Kohlekraftwerk der Stadt soll 2035 vom Netz gehen. Und auch Andere wie Aluminiumriese Rio Tinto investieren dort plötzlich in erneuerbare Energien.

An der örtlichen Gladstone High School herrscht Aufbruchstimmung. Elektrolyse wird im Unterricht behandelt, Achtklässler wie Lewis Windsor können inzwischen fast im Schlaf erklären, wie mithilfe von Sonnenkollektoren Wasserstoff produziert werden kann.

Der Schüler will Ingenieur werden und bei einer Wasserstoff-Firma arbeiten. Fast alle in der Gegend haben Eltern, die in der Kohle, Gas- oder Aluminiumindustrie arbeiten. Nun schöpfen sie hier Hoffnung, dass Australiens Energiewende Fahrt aufnimmt und irgendwann auch Jobs für sie bereithält.

Die Schule in Gladstone soll in den nächsten Jahren ein millionenteures Design- und Technologiezentrum mit neuester Versuchs- und Labortechnik bekommen, erzählt Abby Davies aus der 11. Klasse: "Wir verstehen dadurch, dass es eine echte Alternative ist. Wir sehen es mit eigenen Augen. In der Massenproduktion wird das natürlich noch tausendmal größer sein als das."

Drei Jugendliche führen ein Experiment durch. | ARD-Studio Singapur

Sie sollen irgendwann einmal ihr Geld mit grüner Energie verdienen - und nicht mit Kohle. Deswegen werden Schüler in Gladstone schon jetzt an die Elektrolyse herangeführt. Bild: ARD-Studio Singapur

Gladstones Rentner sind skeptisch

Der Hafen von Gladstone ist weltweit der viertgrößte Umschlagplatz für Kohle. In Zukunft soll von hier aus grüner Wasserstoff exportiert werden, hofft Glenn Butcher, Sozialdemokrat und Queenslands Minister für regionale Entwicklung. Die Bundesstaaten hätten schon vor Jahren angefangen umzudenken, sagt er. Aber nachdem seit Mai mit Anthony Albanese nun auch ein Sozialdemokrat Premierminister ist, gibt es auch ein Umdenken in Australiens Politik.

Und das spüre man im ganzen Land, sagt Butcher: "Ich glaube, die Leute freuen sich auf die Zukunft von Gladstone - einer traditionellen Industriestadt, die sich zu einem Zentrum der erneuerbaren Energien entwickelt. Das hat für einen Aufwind gesorgt und Optimismus für die Zukunft."

Die Schwerindustrie-Stadt Gladstone soll mit Hilfe von Industriellen wie Andrew Forrest ein grünes Vorzeigeprojekt werden. Doch einige sehen den Hype um Solar, Wind und Wasserstoff noch etwas skeptisch - etwa in einer Werkstatt, in der sich Rentner wie Allan Pease treffen.

Der 77-Jährige hat 22 Jahre als Elektriker im Kohlekraftwerk von Gladstone gearbeitet. "Die Welt liebt doch unsere Kohle und wir haben so viel davon", sagt er. "Die Politiker werden sicher entscheiden, die Kohle auslaufen zu lassen. Aber was passiert dann mit all den Arbeitern? Sollen die alle auf Solarenergie umgeschult werden? Da ist noch so viel unklar."

Eine Kohleverladestation im Hafen von Gladstone. | ARD-Studio Singapur

Der Tiefseehafen von Gladstone ist einer der weltweit größten Umschlagplätze für Kohle. Auch hier soll es möglichst bald vor allem um Wasserstoff gehen. Bild: ARD-Studio Singapur

"Sorgen, dass die Welt zu langsam ist"

Peases Kumpel Mal Ford, 78 Jahre, sorgt sich um seine Kinder und Enkel. Wasserstoff herzustellen koste sehr viel Energie - und die Infrastruktur sei ja noch nicht einmal da, meint er. "Was wird wohl aus meiner Enkelin? Was ist, wenn plötzlich bei ihr in der Schule die Lichter ausgehen und die Computer nicht mehr funktionieren, weil sie keinen Strom haben, weil wir die Kohlekraftwerke alle dicht gemacht haben, aber nicht genügend anderen Strom haben?"

Andrew Forrest will sich nicht davon abbringen lassen, dass manche seine Ziele für nicht realistisch halten: 2030 will er 15 Millionen Tonnen grünen Wasserstoff produzieren. "Das muss funktionieren. Wir haben keine Wahl", sagt er. "Es gibt keinen anderen Energieträger, der so zu transportieren ist wie Wasserstoff. Ich mache mir Sorgen, dass die Welt zu langsam ist, die naheliegenden Lösungen aufzunehmen."

Aber von einer Sache ist er ganz überzeugt: Die Zeiten, in denen Australien ganz auf fossile Energien setzte, seien für immer vorbei. Und kaum ein Land habe so sonnige Aussichten, die Energiewende zu schaffen.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag, 27. November 2022 um 18.30 Uhr im "Weltspiegel".

Über dieses Thema berichtete das Erste am 27. November 2022 um 18:30 Uhr im "Weltspiegel".