Menschenleerer Check-in-Schalter der Fluglinie Quantas am Flughafen Sydney im Juni 2021 | EPA

Strenge Beschränkungen Australien wird zur Anti-Corona-Festung

Stand: 22.08.2021 15:01 Uhr

Australien bekommt die Delta-Variante nicht unter Kontrolle -die Regierung verlängerte daher den Lockdown bis Ende September. Nun kommt kaum ein Bürger raus - und wieder rein. In Sydney eskalierten die Proteste.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Ian Neubauer ist wütend. "Australiens Regierung tut, was auch immer sie will", schimpft er, "sie sollen mich bloß in Ruhe lassen, ich glaube nicht, dass ich jemals in Euer bescheuertes Gefängnis, in Euer verfluchtes Nordkorea zurückkehre."

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Der Australier ist wütend auf seine Regierung. Er lebt als Journalist in Südostasien und hat seine Eltern in Australien seit zweieinhalb Jahren nicht gesehen - strenge Einreisebeschränkungen, limitierte Flüge, meist nur in der Businessclass, dazu noch die Quarantänekosten - viele der 37.000 Australier, die im Ausland festsitzen, können sich eine Heimkehr kaum leisten.

Dabei, sagt Neubauer, sei Australien ein reiches Land: "Sie könnten zahlreiche Flugzeuge um die Welt schicken und alle einsammeln, aber das tun sie nicht. Stattdessen sagen sie: 'Wir schauen mal, wann wir euch wieder reinlassen.' Das ist unglaublich! Kein anderes Land der Welt hält seine Bürger davon ab, nach Hause zu kommen."

Kaum etwas geht - in jede Richtung

Australien hat sich zur Covid-Festung gemacht, die Grenzen sind dicht, kaum einer kann rein, kaum einer kann raus. Australien hat eigentlich starke Verbindungen in alle Welt: Ein Drittel der Australier sind im Ausland geboren, zwei Drittel haben ein Elternteil, das im Ausland geboren wurde. Die Entscheidung, fast niemanden reisen zu lassen, trennt all diese Beziehungen.

Ihr Land, meint Rebecca Hatten, sei "verwöhnt durch seine Insellage". Am Anfang habe die Regierung darauf gesetzt, dass das Virus dort nicht landen kann, und obwohl es anders kam, sei die Regierung bei dieser Politik geblieben.

Hatten arbeitet als Projektmanagerin im südostasiatischen Singapur. Sie hat eine vierjährige Tochter und einen 16 Monate alten Jungen - seine Großeltern aus Australien konnten ihn noch nie in den Armen halten. Erst habe Singapur seine Grenzen geschlossen, ließe sie mittlerweile aber schon längst rein, sagt Hatten - "aber Australien lässt sie nicht raus".

Manche Erlaubnis kommt zu spät

Wer verspricht, das Land möglichst lange, am besten dauerhaft zu verlassen, darf womöglich raus, oder wer sich in einer familiären Notlage befindet und zum Beispiel zu einer Beerdigung muss. Aber viele Ausländer in Australien würden ihre Angehörigen in der Heimat gerne noch einmal lebendig sehen und nicht erst im Sarg.

Bisher konnten Exil-Australier wie Hatten mit entsprechenden Anträgen und nach Quarantäne ihre Angehörigen in Australien besuchen. Sie können es immer noch - aber vielleicht dürfen sie danach nicht mehr raus. Wer seit dem 10. August seine Ausreise beantragt, riskiert, dass sie abgelehnt wird.

"Eine Australierin, die in Belgien lebt", erzählt der Journalist Ian Neubauer, "die dort verheiratet ist, Job, Haus, Kinder dort hat, ist nach Hause gekommen, um ihre sterbenskranke Mutter noch einmal zu sehen. Während sie in Quarantäne war, starb die Mutter, ohne dass sie sie noch einmal sehen durfte - sie durfte die Quarantäne nicht verlassen! Und jetzt darf sie noch nicht einmal mehr aus Australien raus! Zu ihrer Familie, ihrem Haus, ihrem Job in Belgien - sie sagen: Nein, du bleibst hier."

Am Flughafen Perth AUstralien) kontrollieren Behördenvertreter, ob Reisende geimpft oder einen negativen Test vorweisen können. | EPA

Auch die australischen Bundesstaaten haben untereinander strenge Vorschriften erlassen, unter welchen Bedingungen man von einem Bundesstaat in den anderen reisen darf. Am Flughafen Perth kontrollieren Behördenvertreter, ob Reisende geimpft oder einen negativen Test vorweisen können. Bild: EPA

"Der Pass ist das Papier nicht wert"

Was der Sinn dieser geradezu grausamen Maßnahme ist, können Beobachter nur vermuten. Die meisten sagen, dass die australische Regierung auf diese Weise die Auslandsaustralier fernhalten will - und mit ihnen das Virus.

Auf der ersten Seite des australischen Passes steht, dass er seinem Träger freien Zugang und Ausgang ohne Hindernisse erlaubt und ihm Hilfe und Schutz zusagt, wenn er in Not ist. Neubauer wird ihn wohl nicht mehr nutzen: "Dieser Pass ist nicht mehr das Papier wert, auf dem er gedruckt ist."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. August 2021 um 10:06 Uhr.