Gesperrte Straße in Richtung Separatistengebiet | Bildquelle: Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Ostukraine Skepsis und Hoffnung an der Front

Stand: 09.12.2019 07:25 Uhr

Während es bei einem Vierergipfel in Paris um den Konflikt in der Ostukraine geht, werden auch heute wieder 40.000 Menschen im umkämpften Gebiet die Frontlinie überqueren. Sie wollen nur eins: Frieden.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau, zzt. Ostukraine

Die Erleichterung ist Viktor Halun aus Kateryniwka anzumerken. "Es ist ruhiger geworden", sagt der Bergmann im Ruhestand aus dem kleinen Dorf an der Kontaktlinie. Er zeigt, wie die alten Stellungen der ukrainischen Armee sowie jene der Separatisten das Dorf fast umzingelt hatten. "Sie haben von dieser Seite geschossen und von da drüben. Und wir mittendrin - wie Geiseln."

Weiße Fähnchen markieren auf einem benachbarten Feld mögliche Minen. Die Ostukraine ist mittlerweile eines der am meist verminten Gebiete der Welt. Sein Leben lang hat Halun in Kateryniwka verbracht und in einem Bergwerk in der Nähe gearbeitet. Als 2014 der Krieg begann, ist er geblieben. Sein Haus, seinen Gemüsegarten wollte er nicht zurücklassen, seine Mutter wollte im hohen Alter auch nicht weg.

Anwohner Viktor Halun aus Kateryniwka | Bildquelle: Demian von Osten, ARD-Studio Moskau
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Anwohner Viktor Halun ist im Dorf Kateryniwka geblieben - auch als 2014 der Krieg begann.

Dorf Kateryniwka in der Ostukraine | Bildquelle: Demian von Osten, ARD-Studio Moskau
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Kateryniwka war von den Separatisten fast umzingelt.

Neue Friedensinitiative Selenskyjs

Fünfeinhalb Jahre Krieg - da neigt er schon mal zu Untertreibungen: "Die Armeestellungen rundherum - das war einfach nicht angenehm." Dem neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist Bergmann Halun dankbar.

Selenskyj hat eine neue Friedensoffensive im Osten der Ukraine gestartet. An drei Orten zogen sich das ukrainische Militär und die aus Russland unterstützten Rebellen um etwa einen Kilometer zurück: am Kontrollpunkt Stanyzja Luhanska, in Petriwske und in Solote, direkt neben Haluns Dorf.

Seitdem ist es hier ruhiger. Sein Haus liegt jetzt in der sogenannten grauen Zone. Dort sind keine Militärs mehr erlaubt, schwer bewaffnete Polizeispezialkräfte sorgen stattdessen für die Sicherheit der Bewohner.

Hoffnung auf Frieden in der Ostukraine
Morgenmagazin, 09.12.2019, Demian von Osten, ARD Moskau, zzt. Ostukraine

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Zu viele Zugeständnisse an Russland?

Kommandant Wolodymyr Melnik hob hier mit seinen Soldaten neue Stellungen aus. "Wir haben einen Befehl zum Rückzug erhalten auf diese neuen Positionen. Wir haben den Befehl ausgeführt und das war's", sagt er emotionslos. Unter den Soldaten ist Selenskyjs neue Friedenspolitik nicht beliebt. Nicht, weil sie gegen Frieden sind, sondern weil sie befürchten, der unerfahrene Politiker könnte dem großen Gegner Russland in Verhandlungen zu viele Zugeständnisse machen.

Ukrainische Soldaten in Popasna | Bildquelle: Demian von Osten, ARD-Studio Moskau
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Ukrainische Soldaten in Popasna: Bei ihnen überwiegt die Skepsis bezüglich Selenskyjs Friedenspolitik.

Rebellengebiete von Russland abhängig

Die Rebellengebiete sind militärisch und wirtschaftlich von Russland abhängig. Armee-Kommandant Melnik macht keinen Hehl daraus, dass er anders für Frieden sorgen würde: "Wir müssten uns durchkämpfen bis zur russisch-ukrainischen Grenze. Die unter Kontrolle bringen - und fertig. Dann wäre Frieden. Wenn bei Ihnen in Deutschland ein Bundesland anfangen würde, sich abzutrennen, was würden Sie tun? Man muss das sofort niederschlagen, das geht nicht anders."

Auch andere ukrainische Bürger teilen die Skepsis über Selenskyjs Politik. In Kiew gingen deshalb gestern einige tausend Menschen auf die Straße. "Keine Kapitulation!", stand auf ihren Plakaten. Auch Ex-Präsident Petro Poroschenko trat auf, er zählt zu den Kritikern. Poroschenko hatte die Präsidentenwahl gegen Selenskyj verloren und im Wahlkampf mit seinen Verdiensten für die ukrainische Armee geworben.

Doch bei den Menschen im Osten des Landes ist die Sehnsucht nach Frieden und Verständigung groß. 40.000 Ukrainer überqueren jeden Tag die Kontaktlinie von der einen Seite auf die andere - ein Großteil über die enge Fußgängerbrücke in Stanyzja Luhanska.

Brücke in Stanytsja Luhanska | Bildquelle: Demian von Osten, ARD-Studio Moskau
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Brücke in Stanytsja Luhanska

"Der Krieg hat das Volk in zwei Hälften geteilt"

"Man muss jetzt miteinander reden", sagt die Rentnerin Olga aus dem Separatistengebiet Luhansk, die gerade auf einen Bus wartet. "Jeder Krieg geht zu Ende, auch dieser wird ein Ende haben." Wie viele an der Brücke, will sie ihren Nachnamen nicht in deutschen Medien sehen. "Der Krieg hat das Volk in zwei Hälften geteilt", sagt Wadim Bowa aus der Kleinstadt Altschewsk im Separatistengebiet. Wie er dort lebe, will er nicht direkt beantworten. "Man kann dort überleben", sagt er schließlich. Er wünscht sich eine vereinigte Ukraine.

Vor allem Rentner aus den Separatistengebieten überqueren in Stanyzja Luhanska die Frontlinie. Etwa alle zwei Monate müssen sie hier Behördengänge erledigen, nachweisen, dass sie noch leben, neue Bankkarten bestellen und die Rente in ukrainischen Hrywnja abholen. "Auf diesem schwierigen Weg bekommen wir unsere Rente", sagt die Rentnerin Nadeschda Bigitna resigniert. "Wir haben unser Leben lang gearbeitet und jetzt stehen wir hier in der Kälte und frieren. Die Rentner stürzen und sterben hier."

An Erschöpfung gestorben

Tatsächlich verloren allein Anfang Juli dieses Jahres pro Tag 80 Menschen das Bewusstsein. Viele Rentner starben an Erschöpfung. Präsident Selenskyj ließ deshalb eine neue Brücke bauen, da die alte im Krieg zerstört worden war und alle Menschen über improvisierte Holzstege auf die andere Seite mussten. Auch der Zubringerbus ist neu.

Dennoch ist für die Rentnerin Anna an diesem Dezembertag der Weg so beschwerlich, dass sie sich am Ende der Grenzkontrolle auf einer Bank ausruhen muss. "Wir wollen Frieden, wir wollen, dass alles endet. Es war furchtbar." Ihren Mann hat sie im Krieg verloren, sein Herz hat irgendwann nicht mehr mitgemacht. "Ich hätte gerne eine vereinte Ukraine. Beide Seiten müssen sich jetzt einigen."

Über dieses Thema berichtete am 09. Dezember 2019 Deutschlandfunk um 07:17 Uhr in einem Interview und die tagesschau um 08:30 Uhr.

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