In Nord- und Ostsee gefundene Munitionskörper | Michael Stocks

Nord- und Ostsee Zeitbomben am Meeresgrund

Stand: 23.01.2021 08:34 Uhr

Gigantische Mengen an Weltkriegsmunition verrotten in Nord- und Ostsee. Sie stoßen Schadstoffe aus - und müssen schnellstens geborgen werden, fordern Wissenschaftler.

Von Michael Stocks, SWR

Es sollte die Entmilitarisierung des besiegten Nazi-Deutschlands voranbringen: Geschätzte 1,6 Millionen Tonnen an Sprengkörpern und Munitionsresten wurden im Auftrag der Alliierten nach der Kapitulation Deutschlands 1945 in Nord- und Ostsee verklappt. Eine schier unglaubliche Menge an Waffenresten - Fachleute vergleichen die entsorgte Menge mit einem Güterzug von Madrid bis Berlin, vollbeladen mit Munitionsresten. Dazu kommen Blindgänger und Minen, die seit dem Kriegsende auf dem Meeresboden vor sich hinrotten.

Michael Stocks ARD-Studio Rio de Janeiro

"Die Munition des zweiten Weltkriegs liegt immer noch auf dem Meeresgrund, und auch die Munition vom ersten Weltkrieg", stellt Jens Greinert fest, Wissenschaftler am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. "Das ist hundert Jahre her - und hast du immer noch mit den Lasten des Kriegs zu tun!"

Ein Problem der gesamten Region

Er weiß, es ist nicht nur ein Problem, dass Deutschland betrifft. In allen Anrainerstaaten von Nord- und Ostsee gibt es diese Belastung. Internationale Zusammenarbeit ist da wichtig. Wie zum Beispiel bei neuen Techniken, um Kampfmittel schneller und kostensparender auf dem Meeresgrund zu erkennen.

BASTA heißt das Projekt, das beim GEOMAR koordiniert und von der EU finanziert wird. Es geht darum, autonome Unterwasserfahrzeuge smart zu machen, so dass sie selbstständig Munition im Meer aufspüren können. Das machen die Kieler zusammen mit belgischen Kollegen.

SendungsbildAutonomes Wasserfahrzeuge, das Munition am Meeresgrund aufspüren soll (Sendungsbild)

Sie bilden die Vorhut: Autonome Wasserfahrzeuge sollen die Munition am Meeresgrund aufspüren.

Was am Meeresgrund noch alles liegt

Im November waren die Kieler Forscher unterwegs in der Ostsee. Ihre Mission: Munitionskörper am Meeresgrund aufspüren und ihr Ausmaß feststellen. Mit autonomen Unterwasserfahrzeugen erstellten sie ein Kataster der Orte und der Munitionsmenge am Meeresgrund.

Ein solches Monitoring über explosive Mülldeponien in den Meeren sei noch nie richtig erstellt worden, erläutert Greinert. Darin liege die Bedeutung der Mission.

Insbesondere in der Lübecker Bucht wurden erhebliche Mengen an Munition gefunden, die außerhalb bekannter Belastungsflächen liegen. Die Forderung der Wissenschaftler vom GEOMAR: "Es ist höchste Zeit, da etwas zu tun, sprich: aufzuräumen."

Aufgeschnittener Torpedokopf aus der Ostsee | Michael Stocks

Ein aufgeschnittener Torpedokopf aus der Ostsee: Das Erbe der Weltkriege ist noch heute eine Gefahr. Bild: Michael Stocks

Ein Einsatz für Hunderte Spezialisten

Viele Monate lang haben etwa 100 Kampfmittelräumer der deutschen Firma Seaterra die Oder bei Swinemünde in Polen aufgeräumt - eines der größten Projekte der Firmengeschichte.

Während des zweiten Weltkriegs lagen hier viele deutsche Kriegsschiffe und U-Boote. Es gab vor allem von den Engländern einige Luftangriffe und Bombardierungen. Entsprechend belastet war die Oder und ihre Mündung in die Ostsee bis heute.

Mit Elektromagnetik suchten die Kampfmittelräumer nach allem Metallischem und holten alles, was ein Signal abgab, nach oben. So wollten sie sichergehen, dass nichts übersehen wird. Neben Alltagsmüll wie Autoreifen Ketten, oder Ankern hievten sie so Hunderte Teile an Munitions- und Waffenresten an die Oberfläche und entsorgten sie.

Der spektakulärste Fund: eine sogenannte Tall Boy, eine der größten Bomben des zweiten Weltkriegs. Sie lag scharf nur sieben Meter tief unweit der Strecke zweier Fähren. Die Bombe war zu groß und zu gefährlich für eine Bergung, deshalb wurde sie vom polnischen Militär gesprengt.

Wonach die Toxikologen suchen

In der Lübecker Bucht sind auch Toxikologen der Universität in Kiel unterwegs, um die drohenden Gefahren der korrodierenden Sprengkörper zu aufzuspüren. Denn dass die alten Bomben explodieren können, ist nur die eine Seite. Viel akuter sind die Schadstoffe, die freigesetzt werden, weiß Tobias Bünning: "Wir wollen sprengstofftypische Verbindungen, also in allererster Linie TNT und ihre Umbauprodukte im Wasser nachweisen."

In größeren Dosen können solche Stoffe nämlich krebserregend sein, erklärt Edmund Maser, Leiter der Toxikologie in Kiel. Man müsse damit rechnen, dass sich immer mehr von diesen Sprengstoffen im Meer verteilen, je mehr die Granaten und Minen durchrosten. "Da müssen wir ein wachsames Auge haben und regelmäßig kontrollieren, damit nicht irgendwann vielleicht mal ein Szenario eintritt, dass dann doch vielleicht gewisse Fische oder Meeresfrüchte eine zu hohe Konzentration dieser Schadstoffe enthalten."

Toxikologen der Uni Kiel an Bord eines Schiffes | Michael Stocks

Muschelfleisch gibt den Toxikologen Auskunft darüber, welche Stoffe über das Meerwasser aufgenommen werden. Bild: Michael Stocks

Muscheln als Indikator

In der Lübecker Bucht untersuchen die Forscher die Belastung auch mithilfe von Muscheln. Diese sind an verschiedenen Stellen ausgebracht - manche näher an bekannten Munitionsfundorten, manche etwas weiter weg. Miesmuscheln filtern Wasser durch ihren Körper, um sich mit Nährstoffen zu versorgen. Somit sind sie ideal, um mögliche Spuren von freigesetzten Explosivstoffen nachweisen zu können.

Im Labor in Kiel zeigt die Auswertung: Sowohl in den Muscheln als auch in den Wasserproben lassen sich sprengstofftypische Verbindungen nachweisen, erklärt Edmund Maser: "Die Sprengstoffe, die wir nachgewiesen haben, sind im Spurenbereich. So können wir sagen, dass wir keine Angst davor haben müssen, jetzt Ostseefisch oder Muscheln aus der Lübecker Bucht zu konsumieren."

Dennoch gelte es, wachsam zu sein - denn der Schadstoffgehalt verstärkte sich mit der zunehmenden Durchrostung des Munitionsschrotts.

In Nord- und Ostsee gefundene Munitionskörper | Michael Stocks

Kistenweise holen Forscher alte Munitionsbestände aus der Ostsee. Bild: Michael Stocks

In Nord- und Ostsee gefundene Munitionskörper | Michael Stocks

Die Fundstücke verrotten - das macht sie zunehmend gefährlich. Bild: Michael Stocks

Erkenntnisse, die zum Handeln zwingen

Der technische Aufwand der Expedition ist groß, die Hinterlassenschaften der Kriege aufzuspüren und zu entsorgen ist kostspielig.

"Wir haben jetzt jede Menge Bilder und Videoaufnahmen, die erstmalig dokumentieren, was dort liegt und welche Mengen es sind. Und das ist essenziell, um hochskalieren zu können, um welche Gefahr es sich eigentlich handelt", sagt Jens Greinert. "Wir wissen auch, in welchem Zustand die Munition ist, und ob dort offener Sprengstoff liegt." Das dies nun endlich gemacht wurde, sei "bahnbrechend" - und es bestehe Handlungsbedarf.

Die Erkenntnisse sind da - eigentlich schon lange. Aber die Ergebnisse des Monitorings zeigen, das nun auch politische Entscheidungen getroffen werden müssen.

Über dieses Thema berichtet das Europamagazin am 24. Januar 2021 um 12:45 Uhr.