Deutschsprachige Gemeinschaft | Bildquelle: picture-alliance / dpa/dpaweb

Region in Belgien benennt sich um Schluss mit Dolce & Gabbana

Stand: 11.07.2017 09:01 Uhr

77.000 Bewohner, ein eigener Ministerpräsident und ein schwieriger Name: Das ist die Deutschsprachige Gemeinschaft - kurz DG - in Belgien. Um nicht mehr mit Dolce & Gabbana oder einem Dachgeschoss verwechselt zu werden, will die eigenwillige Region nun einen neuen Namen.

Von Karin Bensch, ARD-Studio Brüssel

Günter Mattelé strahlt übers ganze Gesicht. Der Handwerker lebt mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter in einem schicken Neubau mit gepflasterter Auffahrt, Doppelgarage und großem Garten in der Nähe von Eupen. Was antwortet er, wenn ihn jemand fragt, wo er herkommt? "Als erstes, dass ich Belgier bin - also aus Belgien natürlich. Und, wenn die dann sagen, du sprichst doch Deutsch, dann sage ich, dass ich aus dem deutschsprachigen Gebiet Belgiens komme."

Amtssitz des Ministerpräsidenten von Ostbelgien in Eupen
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Amtssitz des Ministerpräsidenten von Ostbelgien in Eupen

Deutschsprachige Gemeinschaft - zu lang und zu sperrig

Die Sprache "Belgisch" existiert nicht. In Belgien gibt es drei Sprachgemeinschaften. Die französischsprachige Wallonie im Süden des Landes, an der Grenze zu Frankreich. Das niederländischsprachige Flandern im Norden, nahe den Niederlanden. Und es gibt die deutschsprachigen Belgier in der Nähe der deutschen Grenze bei Aachen. Schon im 18. Jahrhundert sprachen die Menschen hier deutsche Dialekte. Im Ersten Weltkrieg kämpften sie an der Seite des Deutschen Reiches, mit dem Versailler Vertrag aber ging das Gebiet an Belgien. Bislang heißt diese Region Deutschsprachige Gemeinschaft, abgekürzt DG. Doch mit diesem Namen ist Mattelé schon lange unzufrieden. Dieses Kürzel DG sage eigentlich gar nichts aus für jemanden, der das nicht kennt. "Deutschsprachige Gemeinschaft - das kann ja eigentlich überall sein." Deutschsprachige Gemeinschaft Ostbelgiens - das sei zu lang und zu sperrig.

Der Ministerpräsident von Ostbelgien, Oliver Paasch
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Ministerpräsident Paasch hofft auf positive Effekte des neuen Namens.

So sieht das auch Oliver Paasch, der Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Ein neuer Name soll her, um die Region aufzuwerten und klar zu machen, dass sie - genau wie die Wallonie und Flandern - ein gleichberechtigtes Bundesland in Belgien sei, sagt Ministerpräsident Paasch. Mit dem Begriff Gemeinschaft verbinde man außerhalb von Belgien nicht unbedingt eine Region mit Gesetzgebungshoheit. "Wenn wir Deutschsprachige Gemeinschaft auch noch mit DG abkürzen, denkt man häufig an Dolce & Gabbana, vielleicht auch an Dresdener Gas, im schlimmsten Fall vielleicht sogar an ein Dachgeschoss. Und das ist für die Außendarstellung einer Region nicht unbedingt förderlich."

So groß wie Lüneburg

Ostbelgien - so soll die Deutschsprachige Gemeinschaft in Zukunft heißen. Gegen Flandern und die Wallonie ist die Region ein Zwerg. Gerade einmal gut 77.000 Menschen leben hier. Das sind etwas mehr als in Lüneburg. Dennoch hat das belgische Mini-Bundesland ein eigenes Parlament, eine eigene Verwaltung, eigene Kindergärten und Schulen - alles deutschsprachig. Als Grenzgebiet zu Deutschland, den Niederlanden, Luxemburg und der französischsprachigen Wallonie in Belgien fließen hier viele unterschiedliche Einflüsse zusammen. Zukünftig auch neue Arbeitskräfte?

Ostbelgien ist wirtschaftlich stark, die Arbeitslosenquote ist mit gut sieben Prozent recht niedrig. Dennoch: Die Alten gehen in Rente, Junge kommen kaum nach, es gibt einen Fachkräftemangel, erzählt Ministerpräsident Paasch. Er hofft, dass ein neuer Name daran etwas ändern wird. "Wir sind auf Zuwanderung angewiesen. Haben jedes Interesse, uns in der Außendarstellung positiv zu vermarkten. Das gelingt mit dem Kürzel DG nur unzureichend und deshalb haben uns für einen neuen Namen, für den Begriff 'Ostbelgien' entschieden. Dieser Begriff drückt aus, wo wir uns befinden und wer wir sind."

Deutschsprachige Gemeinschaft | Bildquelle: picture alliance / Alexander Ste
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Ein eigenes Parlament, eine eigene Identität. Doch die rund 77.000 Bewohner der Region sind nicht mit ihrem Namen zufrieden.

"Perfekt, hier zu wohnen"

Bislang wird die Region im Rest des Landes so gut wie gar nicht wahrgenommen. Zum Beispiel in der Hauptstadt Brüssel. Das will der 45-jährige Ministerpräsident ändern. Für ihn ist die Mischung das Besondere an Ostbelgien. "Wir rechnen wie die Deutschen, und wir leben wie die Franzosen. Ich glaube, dass man uns zu Recht nachsagt, dass wir fleißig und diszipliniert arbeiten. Aber auf der anderen Seite könne wir auch so richtig feiern."

Ostbelgier feiern exzessiv Karneval. Das ist ungewöhnlich im Rest des Landes Belgien. Und: Viele deutschsprachige Belgier schauen die Fußball-Bundesliga, fiebern aber bei der Europameisterschaft für ihre "Roten Teufel", für die belgische Fußball-Nationalmannschaft. Und an das Gefühl, eine geschützte Minderheit am Rande von Belgien zu sein, haben sich viele gewöhnt und gut darin eingerichtet, meint Günter Mattelé. Auch er selbst. "Wir haben volle Autonomie hier. Uns geht es super, wir leben hier glücklich und zufrieden. Eigentlich perfekt, hier zu wohnen."

Neuer Name für die "Deutschsprachige Gemeinschaft" in Belgien
K. Bensch, WDR Brüssel
11.07.2017 08:50 Uhr

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