Palästinenser beten in Sheikh Jarrah. Rechts sind Teile eines Hauses israelischer Siedler zu sehen. | ARD-Studio Tel Aviv
Reportage

Proteste in Sheikh Jarrah "Das ist meine Nachbarschaft"

Stand: 10.05.2021 08:17 Uhr

Seit Tagen gibt es Ausschreitungen in Ost-Jerusalem - auch vergangene Nacht. Aber worum genau geht es in dem Konflikt zwischen Palästinensern, Siedlern und der Polizei? Ein Reportage aus dem Viertel Sheikh Jarrah.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Die Spannungen in Ost-Jerusalem kann man nicht nur spüren. Man kann sie auch riechen. Das arabische Viertel Sheikh Jarrah vor ein paar Tagen: Es riecht wie in einer Jauchegrube. Die israelische Grenzpolizei setzt hier Wasserwerfer mit einer übel riechenden Beimischung ein.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Seit Tagen kommt es zu Zusammenstößen zwischen palästinensischen Demonstranten, jüdischen Siedlern und der Polizei. "Ich bin wütend und traurig", sagt ein junger Palästinenser. "Das ist meine Nachbarschaft. Nicht ihre. Und jetzt kommen sie und wollen uns unsere Häuser wegnehmen."

Steine, Stühle, Flaschen

Sheikh Jarrah ist zwar ein arabisches Viertel - vor dem israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 gehörte ein Teil der Gegend aber Juden. Laut israelischem Recht können Juden Grundstücke in Jerusalem zurückerhalten, die sie im Krieg von 1948 verloren. Für Palästinenser gilt das nicht. Nun stehen mehrere arabische Familien vor der Zwangsräumung, weil eine nationalistische jüdische Organisation Ansprüche anmeldet.

In Sheikh Jarrah eskaliert die Gewalt regelmäßig. Hier fliegen Steine, Stühle und Flaschen hin und her. Auf der einen Seite der Straße stehen Palästinenser vor einem Haus, das vor der Zwangsräumung steht.

Auf der anderen Seite stehen rechtsnationale Siedler vor einem Haus, in dem früher Palästinenser lebten und heute Israelis. Dort steht auch der rechtsnationale Politiker Arieh King, der Vizebürgermeister Jerusalems. Israel hat den Ostteil der Stadt 1967 besetzt und später völkerrechtswidrig annektiert.

Einst palästinensisches Haus, in dem nun rechtsnationale Israelis leben | ARD-Studio Tel Aviv

In diesem Haus lebten früher Palästinenser. Heute wird es von rechtsnationalen Israelis bewohnt. Bild: ARD-Studio Tel Aviv

Extreme Meinungen

Für King aber gibt es nur ein Jerusalem: Israels unteilbare Hauptstadt. "Meine Ideologie ist klar", sagt Arieh King später am Telefon. "Mehr Juden nach Jerusalem und insbesondere nach Ost-Jerusalem zu bringen. Wenn dort mehr Juden leben, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass ein Teil Jerusalems an unseren Feind gegeben werden kann."

Der Feind, das ist für King die Führung der Palästinenser. Knapp 40 Prozent der Bevölkerung von Jerusalem sind Palästinenser. King hat deutlich extremere Meinungen als die meisten Israelis: An jenem Abend in Sheikh Jarrah wünscht er einem palästinensischen Aktivisten eine Kugel in den Kopf.

Die Stimmung ist in diesen Tagen auf beiden Seiten aufgeheizt. Vor der Al-Aksa-Moschee riefen zahlreiche Palästinenser, Tel Aviv solle bombardiert werden.

"Tiefpunkt erreicht"

Auch heute Nacht gab es wieder zu Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Polizisten. Am Morgen gab es auch auf dem Tempelberg Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei. Militante Palästinenser im Gazastreifen feuerten außerdem zwei Raketen in Richtung Israel. Israel wirft der Hamas in Gaza vor, in der angespannten Lage die Gewalt anzuheizen.

Der palästinensische Philosoph Sari Nusseibeh setzt sich seit Jahrzehnten für Gewaltfreiheit ein. Und für ein Abkommen mit Israel. Die Lage habe für ihn einen Tiefpunkt erreicht, sagt er: "Israelische Extremisten versuchen, in arabischen Vierteln Ost-Jerusalems Fuß zu fassen. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem es fast unmöglich wird, sich eine Zukunft vorzustellen, mit zwei souveränen Hauptstädten. Eine für Israel, eine für uns."

Sari Nusseibeh, palästinensischer Philosoph | ARD-Studio Tel Aviv

Setzt sich seit Jahrzehnten für Gewaltfreiheit ein: der Philosoph Sari Nusseibeh. Bild: ARD-Studio Tel Aviv

Heute sollte an Israels Oberstem Gerichtshof eigentlich um mögliche Zwangsräumungen arabischer Familien in Sheikh Jarrah gehen. Die Verhandlung wurde aber von Israel verschoben, damit die Lage nicht weiter angeheizt wird.

Ein weiterer Termin könnte aber für neue Spannungen sorgen: Heute feiert Israel den Jerusalem-Tag, die Eroberung des Ostteils im Jahr 1967. Nationalistische Juden wollen einen Flaggenmarsch veranstalten. Auch durch das muslimische Viertel der Altstadt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Mai 2021 um 06:40 Uhr.