Chloé Zhao | dpa

Oscar für Chloé Zhao Schweigen und Zensur in China

Stand: 27.04.2021 12:42 Uhr

"Nomadland"-Regisseurin Chloé Zhao hat den Oscar erhalten - doch in ihrem Heimatland China wird darüber kaum berichtet. Hintergrund ist ein Interview, das sie vor Jahren einem Filmmagazin gegeben hatte.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Obwohl viele Film-Fans in China heute stolz sind auf Chloé Zhao: In den vollständig staatlich gesteuerten Medien des Landes wird über den Oscar für die gebürtige Chinesin geschwiegen.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

In Social-Media-Netzwerken tauchten heute früh zwar zunächst viele Postings über den Oscar für Zhao Ting auf - so lautet der chinesische Geburtsname der 39-Jährigen. Doch die meisten Einträge wurden wieder entfernt und sind nicht mehr sichtbar. Auch entsprechende Hashtags beim chinesischen Kurznachrichtendenst Weibo und Einträge auf der Plattform WeChat sind zensiert. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua hat ältere Online-Artikel über die Regisseurin gelöscht.

Auch Zhaos Gewinnerfilm "Nomadland" findet in China nicht statt: In Kinos ist er nicht zu sehen, Berichte und Besprechungen des Films sind nicht mehr verfügbar. Ein Diskussionsforum über den Film auf einer bekannten chinesischen Film-Website ist plötzlich verschwunden.

Ärger über Interview

All das wegen eines Interviews, das Zhao bereits vor sieben Jahren einem Filmmagazin gegeben hatte. In diesem Interview beschrieb sie ihr Heimatland China als einen Ort, an dem überall gelogen werde. Vieles, was sie als junger Mensch in China gelernt habe, sei nicht wahr gewesen. Erst während ihrer Zeit an einer Privatschule im britischen Brighton habe sie gelernt herauszufinden, was wirklich wahr ist.

Eine Aussage, die so oder so ähnlich sehr viele Menschen in China unterschreiben würden, die außerhalb der Volksrepublik zur Schule oder zur Uni gegangen sind. Bei nationalistisch gesinnten Chinesen allerdings kamen Zhaos Interview-Aussagen gar nicht gut an. Sie riefen zu einem Boykott ihrer Filme auf.

Zitat aus altem chinesischen Gedicht

Zhao selbst hatte bei ihrer Oscar-Dankesrede gestern Abend in Los Angeles ausdrücklich Bezug genommen auf ihr Heimatland China. Sie zitierte auf Chinesisch eine Zeile aus einem Hunderte Jahre alten chinesischen Gedicht, das sie seit ihrer Kindheit sehr beeindrucke: "Bei ihrer Geburt sind alle Menschen gut."

"Nomadland" ist ein Low-Budget- und Independent-Fim: ein Road-Movie über eine Witwe aus dem US-Bundesstaat Nevada, die nach dem Tod ihres Mannes ihre Heimatstadt verlässt und in einem Kleinbus durch den Westen der USA vagabundiert. Zhao ist erst die zweite Frau, die mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet wurde.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. April 2021 um 12:43 Uhr.