Spurensuche im Vatikan Der Fall Emanuela

Stand: 22.06.2013 14:20 Uhr

Vor 30 Jahren verschwand die Vatikanbürgerin Emanuela Orlandi. Bis heute fehlt von ihr jede Spur. Vermutet wird ein Verbrechen, doch wer steckt dahinter: Mafiosi? Eine Geheimdienstclique im Umfeld des Vatikan? Und was weiß der Papst?

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Pietro Orlandi mit einem Bild seiner verschwundenen Schwester
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Bis heute sucht Pietro Orlandi nach seiner Schwester Emanuela - sie verschwand vor 30 Jahren.

Pietro Orlandi wird den 22. Juni 1983 nie vergessen, das ist der Tag, an dem seine kleine Schwester Emanuela nach dem Flötenunterricht in der Stadt nicht heimgekehrt ist. "Der Alptraum begann am Abend, als Emanuela nicht nach Hause kam", sagt Orlandi. "Wir waren sofort alarmiert." Zunächst machte sich Pietro selbst auf die Suche, befragte Passanten, hängte Plakate auf: ein grobkörniges Schwarzweiß-Bild der 15-Jährigen Emanuela mit einem schmalen Stirnband um den Kopf. "Das Foto, das heute jeder kennt, ist in den letzten glücklichen Tagen von Emanuela gemacht worden. So erinnere ich mich an sie", berichtet ihr Bruder.

Offenbar stieg sie in ein Auto

Der Journalist Pino Nicotri beschäftigt sich seit langem mit dem Fall. Er rekonstruiert den letzten Tag von Emanuela Orlandi so: Offenbar wartete sie an der Bushaltestelle neben ihrer Musikschule. Ein Auto hielt an, die 15-Jährige führte ein kurzes Gespräch am offenen Fenster, dann stieg sie ein und das Unglück nahm seinen Lauf. "Das glaubten auch die Polizisten, die die ersten Zeugen vernommen hatten", berichtet Nicotri. "So wie das oft mit Mädchen passiert, die einem Nachbarn, einem Freund der Familie, einem mehr oder weniger entfernten Verwandten trauen."

Die italienische Polizei ermittelte aber auch in der großen Welt der Spione und der Terroristen, denn Emanuela Orlandi war Bürgerin des Vatikanstaats. Und ihr Vater arbeitete für Papst Johannes Paul II.

"Emanuela wurde für mich entführt"

Zu einem Schlüssel in den Ermittlungen wird das Attentat auf den Papst. Am 13. Mai 1981 hatte der Türke Ali Agca auf Johannes Paul II. geschossen. Der überlebte, schwer verletzt. Der Attentäter, der den rechtsextremen Grauen Wölfen nahe steht, wurde gefasst, vor ein italienisches Gericht gestellt und in erster Instanz zu lebenslanger Haft verurteilt. Kurz nach der Entführung von Orlandi besuchte der Untersuchungsrichter Ferdinando Imposimato den Verurteilten in der Haft. "Ich war vier Tage danach bei Ali Agca im Gefängnis, um ihn zu befragen", erinnert er sich. "Er hat gesagt: Tut mir leid, ich lasse den Prozess platzen, denn Emanuela wurde für mich entführt." Heute ist Ferdinando der Anwalt der Mutter von Emanuela. Er ist überzeugt: Das Mädchen wurde entführt, um den Papstattentäter Ali Agca freizupressen. Und Regie habe damals die DDR Staatssicherheit geführt.

"Für die Entführung von Emanuela Orlandi hatte die Stasi ihre Leute sogar im Vatikan", ist er überzeugt. "Einer war Eugen Brammertz, ein Benediktinerpater, der im Osservatore Romano ein Büro hatte, von dem aus er auf das Gebäude sehen konnte, wo Emanuela Orlandi lebte. Er konnte sie ganz genau beobachten." Wenn die Stasi mit der Entführung von Emanuela Orlandi tatsächlich den Papstattentäter Ali Agca freibekommen wollte, dann ist das gründlich schief gegangen. Agca wurde erst im Jahr 2000 begnadigt, in die Türkei ausgeliefert und dort erneut inhaftiert.

Die Entführer riefen im Vatikan an

Und von Emanuela Orlandi  fehlt bis heute jede Spur, dafür gibt es um so mehr Spekulationen, wer für Verschwinden verantwortlich ist: Mafiosi, eine Geheimdienstclique im Umfeld des Vatikan, ja sogar von hochrangigen Prälaten ist die Rede. Doch der Vatikan schweigt bis heute, sagt  Pietro Orlandi, der Bruder von Emanuela verbittert: "Der Vatikan hat nie mit uns zusammengearbeitet. Dort hatte man anfangs direkten telefonischen Kontakt zu den mutmaßlichen Entführern, es gab eine direkte Verbindung zum Staatssekretariat. Doch bis heute wissen wir nichts über den Inhalt der Gespräche."

Es gibt sogar den Mitschnitt eines solchen Telefonats aus der Zeit unmittelbar nach dem Verschwinden Emanuelas. In diesem nennt ein Mann der Schwester in der vatikanischen Telefonzentrale den vereinbarten Code 158. Daraufhin wird er direkt zum Kardinalstaatsekretär Agostino Casaroli durchgestellt. Dann bricht der Mitschnitt ab und bis heute verweigert der Vatikan die Auskunft darüber, worum es in den Gesprächen mit den vermeintlichen Entführern ging.

Was weiß der Papst?

Pietro Orlandi verwendet ein sehr hartes Wort für dieses Verhalten: Omertà. Jenes Schweigegelübde, dem sich Mafiosi unterwerfen. Vor kurzem habe er direkt mit Papst Franziskus über den Fall gesprochen. "Das Treffen dauerte nur 30 Sekunden und Papst Franziskus gab mir eine kurze und schwerwiegende Erklärung", sagt Orlandi. "Der Papst hat gesagt: Emanuela ist im Himmel. Nach 30 Jahren, in denen wir nicht herausbekommen haben, ob Emanuela noch lebt oder tot ist, ist eine solche Erklärung wichtig. Warum hat er das gesagt? Natürlich weil er die Wahrheit kennt. Sie ist tot. Aber wo, wie und warum?"

Dieser Beitrag lief am 22. Juni 2013 um 05:23 Uhr im Deutschlandfunk.

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